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Am schmotzigen Doschtig sind in Nürtingen die Narren los

Zum 30. Mal stürmten die hiesigen Narrenzünfte das Rathaus. Neben dem Jubiläum gab es einen Abschied von der Fasnet-Bühne. Und auch beim Narrengericht war wieder einiges geboten. Mehr Bilder finden Sie in unserer Bilderstrecke.

Hunderte Menschen kamen am „schmotzigen Doschtig“ zum Rathaussturm in Nürtingen. Auf der Bühne stehen die Lenningo Gugga. Foto: Jürgen Holzwarth
Die Blue Diamonds aus Neckartailfingen traten ein letztes Mal beim Rathaussturm in Nürtingen auf. Foto: Jürgen Holzwarth
Kamen vors Narrengericht: Die Drei Fragezeichen alias Bürgermeisterin Annette Bürkner, der technische Beigeordnete Johannes Martin, OB Johannes Fridrich (von links) und sogar der Nürtiger. Foto: Jürgen Holzwarth
Auch ein Männerballett trat auf und bereitete beste Unterhaltung. Foto: Julian Baum
Mit Fackeln machten sich die Narren geschlossen auf zum Schlachthof, um dort ausgelassen weiterzufeiern. Foto: Julian Baum

NÜRTINGEN. Hunderte Menschen kamen am „schmotzigen Doschtig“ vors Rathaus in Nürtingen. Lange brauchten sie auch nicht zu warten, bis im Sternmarsch die ausrichtenden Narrenzünfte aufs Rathaus zusteuerten: die Wetzstoi-Beißer aus Neckarhausen, die Roigl-Hexa und Käsjäger aus Raidwangen, die Saubachdeifl und die Steinachdämonen. Teilweise leuchteten nur ihre roten Augen aus den Rauchschwaden, die die Narren fabrizierten.

Grund zum Feiern gab es nicht nur der Fasnet wegen: Vor 30 Jahren stürmten die Roigl-Hexa zum ersten Mal das Nürtinger Rathaus. Die Wetzstoi-Beißer hingegen freuten sich über die Schnapszahl 22, denn so viele Jahre bestehen sie schon.

Pünktlich um 17.33 Uhr ging es los – so früh, dass Eltern mit ihren Kindern die Gelegenheit haben, das bunte Treiben zu verfolgen. Fürs Erste gab es das Bühnenprogramm, das Philipp Schwer von den Wetzstoi-Beißern gemeinsam mit Thomas Kußler von der Freien Narrenzunft Raidwangen moderierte.

Original Häs und Hexentanz

Aus dem besonderen Anlass des 30-jährigen Bestehens tanzten die Roigl-Hexa im Original-Häs, das schon zum ersten Rathaussturm getragen wurde. Die Liebenau-Hexa aus Neckartailfingen boten derweil ein kurzweiliges Programm mit Parodien auf die Bahn oder die Rettungsschwimmer-Serie Baywatch.

Die Stimmung vor der Bühne konnte besser kaum sein. Im Häs oder im Overall, geschminkt oder unverkleidet, jubelten die Massen den Hästrägern entgegen.

Schlag auf Schlag ging es weiter, und das im wahren Wortsinn: Die Trommler der Lenningo Gugga walzten sich mit ihren Instrumenten durch die Menge der Bühne entgegen, wo sich dann die Trompeter und Posaunisten einreihten und lospusteten, was das Zeug hielt. „Auf Euch kann man sich verlassen“, rief Moderator Philipp Schwer und im großen Finale, in dem den Guggenmusikern Hunderte Taschenlampen aus der Menge entgegenleuchteten, gaben diese noch einmal alles.

Abschied nehmen hieß es von der Tanzgarde Blue Diamonds aus Neckartailfingen. Ein letztes Mal traten die „Bludis“ in Nürtingen auf, da sich der Showtanz-Verein nach dieser Fasnet-Saison auflöst. Noch einmal wurde jedoch mobilisiert, was ging, und mit Tanzeinlagen, in denen Goldpailletten-Schürzen nur so flatterten, brachten sie das Publikum zum Johlen. Sie verabschiedeten sich am Abend aus Nürtingen „so wie sie gekommen waren: wie ein Komet“ (nach dem gleichnamigen Lied von Apache 207 und Udo Lindenberg).

Narrengericht spricht den OB schuldig

Die Menge, angetrieben von Moderator Schwer, feuerte Hexen und Dämonen an, endlich ins Rathaus zu stürmen und die Verwaltungsspitze herauszuholen. Um 18.45 Uhr kletterten Wetzstoi-Beißer und Roigl-Hexa, Käsjäger und Saubachdeifl die Leiter hinauf und übernahmen das Rathaus – „zumindest bis Aschermittwoch“, wie Moderator Schwer kommentierte. Die Narren zerrten schließlich die „Drei Fragezeichen“ hinaus, als die OB Johannes Fridrich, Bürgermeisterin Annette Bürkner und der Technische Beigeordnete Johannes Martin verkleidet waren. Vor dem Narrengericht musste sich indes nur OB Fridrich verantworten.

Wetzstoi-Beißer Martin Kohler verlas die Anklageschrift, und die zeigte: Den Narren schmeckte so einiges nicht. Das Kinderhaus zum Beispiel, das Kohler ein „großes Kostenungeheuer“ nannte, die Versorgungslage in der Bahnstadt und 200 Kita-Fehlplätze waren ebenso Kritikpunkte wie die teuren E-Ladesäulen, zu denen Kohler bemerkte: „Autonom vom Strom muss man ja sein, die Spannung bricht ja öfter ein“.

„Die Liebe zur Stadt ist kein Verbrechen, drum bin ich heute freizusprechen“, plädierte OB Fridrich. „Die Stadt lag im Dornröschenschlaf, und ich versprach, ich küss’ sie wach“, gerierte er sich als Förderer von Gastronomie und Handel. Denn vieles habe sich getan, am Stadtbalkon gebe es tolle Cafés und Bars, das Nürtinger Tor sei nun wieder schön und habe nunmehr einen schmucken Vorplatz. Buhrufe aus der Menge zeigten, dass nicht alle einverstanden waren. Zustimmung aus der Menge erhielt er jedoch unisono, was Nürtingen sein will: „Wollen wir die schönste Stadt am Fluss sein? Oder die Durchfahrt Richtung Kirchheim?“

Dass die Stadt fürs Kinderhaus Millionen bewegt, sei kein Grund zu klagen, sondern zu loben, fand der OB; und richtig sei auch, dass Kita-Plätze fehlen. Das liege jedoch an den Experten von „the Länd“, die schlicht verpennt hätten, vernünftige Regelungen zu finden. Den Schlamassel baden die Erzieher aus, die wenigsten mit anerkennendem Applaus aus der Menge bedacht wurden.

So sehr sich der OB auch bemühte, es half nichts; das Narrengericht sprach ihn schuldig. Vor allem eins gab den Ausschlag: Der OB habe vor „lauter Windmühlen und Luftschlössern“ versäumt, die Nürtinger Fasnet als immaterielles Weltkulturerbe anzumelden. Zur Strafe muss der OB in diesem Jahr am Frederick-Tag – dem landesweiten Literatur-Lese-Fest – Kindern in der Stadtbibliothek vorlesen.

Männerballett und Guggenmusik

Noch bis weit nach 20 Uhr herrschte munteres Treiben auf der Bühne. Auch ein Männerballett gab es, dessen Tänzer als Footballspieler und Cheerleader auftraten. Sie zeigten Mut und bewiesen, dass, wenn man sich nicht selbst zu ernst nimmt, der Beifall und Jubel der Menge gewiss ist. Moderator Philipp Schwer kündigte zudem eine Premiere auf der Bühne an: Die Tanzgarde von Blau-Weiß Sindelfingen hechtete von einem ersten Auftritt in der Heimat zu ihrem zweiten Auftritt am Abend nach Nürtingen. Der Darbietung tat dies keinen Abbruch, gekonnt tanzten die jungen Tänzerinnen in Verkleidungen, die sich an Alice im Wunderland anlehnten.

Zum Abschluss bereiteten die Guggenmusiker der Neckar-Bätscher beste Unterhaltung, bevor sie den Fackelzug anführten, der geradewegs zur Fasnetsfeier in den Schlachthof führte.

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