Aich
Neubau der Aichtalbrücke: In Aich entlädt sich der Frust
Mehr als 300 Anwohner kamen zu der Infoveranstaltung über den geplanten Neubau der B312-Brücke in Aich. Angesichts des drohenden Verkehrschaos machten zahlreiche Teilnehmer ihrem Ärger Luft.
AICHTAL-AICH. Schon Minuten vor Beginn der Veranstaltung versammelten sich zahlreiche Menschen vor den Infotafeln in der Festhalle. Kopfschüttelnd betrachteten viele die Pläne für die geplante großräumige Umfahrung. Schnell wurde deutlich, dass es heute nicht zu einer harmonischen Aussprache kommen würde.
Das Land plant, die Aichtalbrücke ab 2028 neu zu bauen. Dafür soll die bestehende Brücke gesprengt und an gleicher Stelle neu errichtet werden. Eine Vollsperrung von 14 Monaten ist für die Zeit der Arbeiten vorgesehen – für die Anwohner nicht hinnehmbar. Sie fordern stattdessen einen Parallelbau neben der bestehenden Brücke, über den der Verkehr während der Bauzeit fließen kann.
Verwaltung und Gemeinderat fordern weiterhin Parallelbau
Zu Beginn der Veranstaltung machte Bürgermeister Kurz die Position der Stadt nochmals deutlich: „Die Variante, die hier heute Abend vorgestellt wird, haben wir im Gemeinderat einstimmig abgelehnt.“ Dafür gab es lauten Applaus von den mehr als 300 Anwesenden. Geschlossen stehe man in Aichtal hinter dem Parallelbau, so der Rathauschef. Dieser sei der Stadt schon vor Jahren zugesagt worden. Kurz verwies auf einen Artikel aus der Nürtinger Zeitung aus dem Jahr 2014: Damals, als die Aichtalbrücke saniert wurde, hatte der damalige leitende Baudirektor Einar Dittmann erklärt, man werde mittelfristig um einen Parallelbau nicht herumkommen. „Eine Grundlage, auf die wir uns verlassen haben“, so Kurz.
Noch bevor die Bürger in der Fragerunde zu Wort kamen, versuchten die zuständigen Planer zu verdeutlichen, wie dringend der Neubau der Brücke über die Aich sei – und weshalb ein Parallelbau nicht möglich sei. Jürgen Hehr, stellvertretender Referatsleiter „Steuerung und Baufinanzen“ beim Regierungspräsidium Stuttgart (RPS), erklärte, man habe bereits 2011 festgestellt, dass sich die Brücke in keinem guten Zustand befinde. Dieser Zustand habe sich „kontinuierlich verschlechtert“. Nun dränge die Zeit, und es müsse schnell gehandelt werden.
Anwohner glauben nicht an 14 Monate Bauzeit
Die schnellste Methode sei es daher, die bestehende Brücke zu sprengen und an derselben Stelle neu zu errichten, ergänzte Bauingenieur Bastian Schweers. Damit könne ein jahrelanges Planfeststellungsverfahren umgangen werden. Als Schweers die geplante Bauzeit von 14 Monaten erwähnte, brach in der Festhalle erstmals lautes Gelächter aus. Zu gut sind den Anwohnern noch die Verzögerungen bei der letzten Sanierung in Erinnerung. Die halbseitige Sperrung der Aichtalbrücke in den Jahren 2013 und 2014 hatte sich damals ebenfalls hingezogen – und schon damals den Umleitungsverkehr mitten durch die Stadt geführt.
Noch unruhiger wurde es, als die Begriffe „Naturschutz“, „Biotope“ und „sensible Flächen“ fielen. Die neben der Brücke gelegenen FFH-Mähwiesen seien geschützt und einer der Gründe, weshalb dort kein Parallelbau entstehen könne. Zudem befänden sich einige der betroffenen Grundstücke in Privatbesitz. „Das sind keine Hindernisse“, entgegnete Bürgermeister Kurz. Schließlich habe man auch in der Vergangenheit auf Biotopen gebaut – etwa 2019, als neben dem Friedhof in Neuenhaus ein Parkplatz auf einer mageren Flachlandmähwiese entstand. Dafür habe die Stadt Ausgleichsmaßnahmen getroffen. „Und bei so einem Projekt soll es nicht gehen? Das wurde nicht richtig geprüft“, kritisierte Kurz.
Bürger fordern Schutz für Menschen statt für Wiesen
„Der Mensch sollte im Vordergrund stehen, nicht eine Obstbaumwiese“, äußerte Wolfgang Hertrich als erster Bürger aus dem Publikum seinen Unmut. Als Fahrer des Bürgerbusses kennt er den Verkehr in Aichtal gut. „Der Verkehr in Aich bleibt bei dieser Variante unberücksichtigt“, kritisierte er.
„Außer der Natur gilt es auch, Menschen zu schützen“, rief ein weiterer Bürger in den Saal – und erntete viel Applaus. „Menschenschutz geht vor Wiesenschutz“, forderte ein anderer und prophezeite, dass es durch den zusätzlichen Verkehr in Aichtal gar „Menschenopfer“ geben werde. Grünen-Stadtrat Jürgen Steck forderte eine Überprüfung der FFH-Mähwiesen entlang der Brücke. Der Schutzstatus könne nicht mehr aktuell sein, vermutete er.
Wurde die Brückensanierung vernachlässigt?
Viele Anwesende äußerten den Vorwurf, dass jahrelang nichts an der Brücke getan wurde – obwohl bereits seit 2013 bekannt war, dass sie erhebliche Mängel aufweist. „Nun wird der Zeitdruck auf dem Rücken der Aichtaler ausgetragen“, sagte ein Teilnehmer. „Mir schwillt der Kamm“, empörte sich ein anderer: „Seit zehn Jahren wurde nichts gemacht.“
Aktuell sieht die Planung vor, dass während der Sperrung der B312 eine großräumige Umleitung ab Metzingen über Bundesstraßen und Autobahn eingerichtet wird. Wie allerdings die innerörtliche Umleitung in Aich aussehen soll, blieb offen – man befinde sich noch in einem zu frühen Planungsstadium, hieß es.
Wie groß ist also die Chance, dass der Parallelbau doch noch kommt? Auf diese Frage konnte Jürgen Hehr vom RPS den Anwesenden wenig Hoffnung machen. Die bevorzugte Variante sei kostengünstiger und umweltfreundlicher. Die Einflussmöglichkeiten der Stadt Aichtal seien begrenzt, sagte Bürgermeister Kurz. Nun müsse man auf die Abgeordneten in Land und Bund hoffen.
Zum Schluss dankte Kurz den Planern, die sich den Fragen der Bürger stellten – und zeigte Verständnis für die hitzige Stimmung: „Ich entschuldige mich dafür, dass Sie heute so viel Frust abbekommen haben. Das ist bei uns eigentlich so nicht üblich.“