Wolfschlugen
Kommentar zum Betrug in Wolfschlugen: Mehr Mut als Scham
Opfer von Trickbetrug brauchen Verständnis statt Häme – und Menschen wie Hans Haußmann verdienen Respekt für ihre Offenheit, findet der stellvertretende Ressortleiter Matthäus Klemke. Lesen Sie auch den Artikel „Betrug am Telefon: Rentner aus Wolfschlugen verliert 115.000 Euro“.
WOLFSCHLUGEN. Ich habe in den vergangenen Jahren mehrfach über Betrugsmaschen im Kreis Esslingen berichtet und mit Betroffenen gesprochen. Egal, ob Menschen auf den falschen Enkel, angebliche Polizeibeamte oder andere Tricks hereingefallen sind – fast alle haben eines gemeinsam: Sie schämen sich.
Sie schämen sich dafür, ihr Geld auf diese Weise verloren zu haben. Viele sprechen deshalb nur anonym über ihre Erlebnisse. Manche gehen aus lauter Scham nicht einmal zur Polizei. Bei einem Gespräch mit dem Leiter des Weißen Rings vor einigen Wochen sagte dieser sogar, dass genau diese Scham und der Verlust des Ersparten Menschen bis in den Suizid treiben können.
Umso bemerkenswerter ist es, was Hans Haußmann tut. Es wäre einfach, über ihn zu urteilen. Zu fragen, wie man auf eine falsche Polizistin und einen angeblichen Staatsanwalt hereinfallen kann. Warum er niemanden angerufen hat. Warum er Goldbarren in eine Müllbox gelegt hat.
Doch wer so denkt, hat nicht verstanden, wie diese Täter arbeiten. Die Betrüger haben keinen leichtsinnigen oder unvorsichtigen Menschen überlistet. Sie haben einen intelligenten, gebildeten und vorsichtigen Mann über Tage hinweg systematisch manipuliert. Sie erzeugten Angst, bauten Vertrauen auf und vermittelten ihm das Gefühl, gebraucht zu werden. Vor allem aber nutzten sie etwas aus, worüber selten gesprochen wird: Einsamkeit.
Dass Hans Haußmann trotzdem bereit ist, öffentlich über seine Geschichte zu sprechen, um andere Menschen vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, verdient Respekt – nicht Verurteilung.
Genau darin liegt das eigentlich Bemerkenswerte dieser Geschichte: nicht der Betrug selbst, sondern die Entscheidung eines alten Mannes, sich nicht zu verstecken.