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Gisela Jäckle bringt Steine zum Sprechen

Galerie der Stadt Wendlingen zeigt bis zum 29. Mai Skulpturen, Installationen und Bilder unter dem Titel „Zeit ohne Sein“

WENDLINGEN. Wieder einmal ist es dem Galerieverein Wendlingen gelungen, eine ganz besondere Ausstellung in die städtische Galerie in der Weberstraße zu holen. Die Bildhauerin Gisela Jäckle zeigt dort unter dem Titel „Zeit ohne Sein“ Skulpturen, Installationen und Bilder. Wolfgang Heger von der Kunstakademie Stuttgart spricht von Gisela Jäckles Fähigkeit, den Stein zu hören, die Steine zum Sprechen zu bringen und interpretiert den Ausstellungstitel „Zeit ohne Sein“ mit dem Begriff der „Lyrik der Steine“. Die Besucher bei der Vernissage am Mittwochabend waren fasziniert von der Ausdrucksstärke dieser Vollblut-Bildhauerin.

Ursula Vaas-Hochradl und Hilde Steudle vom Galerieverein haben diese Ausstellung über viele Begegnungen mit Gisela Jäckle vorbereitet und organisiert. Bei der Begrüßung am Mittwochabend erinnerte Ursula Vaas-Hochradl an die vielen Gespräche mit Gisela Jäckle, die sich nicht mit Oberflächlichkeiten und Äußerlichkeiten begnüge, die Werte und Phänomene hinterfrage und ihre Gedankenwelt auf das Wesentliche reduziere.

Im Gespräch erzählt Gisela Jäckle vom Schwerpunktthema der letzten Jahre, von Verdrängung und Schatten. Als Träger ihrer künstlerischen Sprache wählt die Bildhauerin unter anderem Kohle. Große Brocken Anthrazit-Kohle holt sie direkt im Untertagebau bei Osnabrück, bearbeitet sie mit Stein- und Schleifwerkzeug und holt so Dinge aus dem Dunkeln, die für Potenzial und Energie stehen. Immer gehe es ihr um die menschliche Thematik, um Beziehungen und Begegnungen, um die wirklichen Werte. Die Gesellschaft heute lasse oft nur noch Schatten und Fragmente davon zu, vernachlässige Zusammenhänge und das Miteinander. Sie wolle mit ihren Arbeiten Anstoß geben zur Konzentration.

Wolfgang Heger von der Kunstakademie sollte bei der Vernissage in die Arbeiten Gisela Jäckles einführen. Ein gebrochenes Bein hinderte ihn daran, nicht aber Silke Klein, die den Text Hegers vortrug. Zitiert wird darin Jäckles ehemaliger Professor Micha Ullmann, der ihr die besondere Fähigkeit zusprach, den Stein zu hören. So geschehe das Wunder, die Konfrontation mit hartem, schwerem Material, das in Bewegung komme und eine ungewöhnliche Leichtigkeit erhalte. Ihr Umgang mit dem Material sei nicht die Beherrschung, sondern die Begegnung.

Dem stimmte auch Heger zu, der von der Lyrik der Steine schrieb, „immer aber ist da diese Poesie“. Die Vollblut-Bildhauerin bringe die Steine zum Sprechen. Steine, die aus einer Zeit ohne Sein erzählten, einer Zeit vor dem Sein. Steine seien kein totes Material, Kohle fossile Energie voller Spuren lebendiger Substanz. Gisela Jäckle erzähle Erdgeschichten von geradezu kosmischer Dimension. Basis und Grundlage allen Schaffens sei Gisela Jäckles Erdverbundenheit. Das sei der Standpunkt, von dem aus sie ihre bildhauerische Welt und ihren poetischen Himmel erschließe. Bedeutsam sei bei ihren Arbeiten das Einfühlungsvermögen in das jeweilige Material, egal, ob es nun Kohle, Stein, Graphit oder Stahl sei. Jäckle stehe für eine Bildhauerei, die in ihren stärksten Momenten wirke wie ein Meteoriteneinschlag.

Wer sich mit Steinbildhauerei beschäftige, müsse zum Phänomen Zeit ein bestimmtes Verhältnis haben. Zeit haben, Zeit nehmen, sonst gehe das nicht, so Wolfgang Heger. Der Stein beginne dann sich über den Dialog mit der Künstlerin (mit dem Betrachter) zu öffnen, seine Schönheit preiszugeben und folge dem Formwillen der Künstlerin nicht wie tote Materie, sondern eher wie ein gezähmtes Wildpferd. Das sei nichts, was man auf den schnellen Blick goutieren könne. Den Resultaten sehe man die mühevolle und geduldige Auseinandersetzung am Ende nicht mehr an, der Stein scheint immer so gewesen zu sein.

Gisela Jäckles Arbeiten kennzeichneten eine beeindruckende Mischung aus Kraft, aus Körpereinsatz und enormer Sensibilität. Sie habe ein außergewöhnliches Gespür für Prozesse von Sein und Zeit. Der Ansatz der Künstlerin sei von bestechender Einfachheit. Sie lege offen, welche Schönheit im armen, schmucklosen Material liegen könne. Sie bringe die Struktur des Steins zum Strahlen. Jäckles Arbeiten zögen den Betrachter ins Schweigen. Das gelinge in unserer lauten Zeit oft noch nicht einmal mehr den Kirchen. Man möchte mit dieser Welt alleine sein, die Steine atmen hören, ihnen Raum geben.

Mehr als eine Umrahmung, geradezu eine Bereicherung (so Ursula Vaas-Hochradl) war die Musik von Verónica Gonzales, deren Spiel mit Stimme, Klangschalen und Wasser die Besucher faszinierte. Begleitet wurde sie auf der Gitarre von Winfried Burr.

Die Galerie in der Weberstraße 2 in Wendlingen ist während der Ausstellung von Mittwoch bis Samstag von 15 bis 18 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

„Zeit ohne Sein“ betitelt die Künstlerin Gisela Jäckle (links im Bild neben Teilen der zwölfteiligen Skulptur „Schattenliebe“ aus Stahl und Kohle) die jüngste Ausstellung in der Galerie der Stadt Wendlingen. sel

Verónica Gonzales aus Aalen begeisterte bei der Vernissage mit ihrer starken Stimme und ihrem Spiel mit Klängen.

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