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Beeindruckende Botschaft für den Frieden in der Nürtinger Stadtkirche

Der „coro per resistencia“, Solisten und das „ensemble flessibile“ präsentierten in der vollbesetzten Kirche unter Leitung von Fabian Wöhrle die „Schabbat-Liturgie“ von Paul Ben-Haim

Chor und Orchester verschmelzen in homogenem Klang. Foto: Hans-Günther Driess

NÜRTINGEN. Am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust setzte der Nürtinger Chor „coro per resistencia“ unter Leitung von Fabian Wöhrle in der Stadtkirche ein Zeichen für friedliches Zusammenleben und gegen antisemitische und andere rassistisch oder religiös begründete Gewalt. Die beeindruckende Aufführung der 1966 entstandenen „Schabbat-Liturgie“ des deutsch-israelischen Komponisten Paul Ben-Haim (1897–1984), einem Chorwerk, das komplett in hebräischer Sprache gesungen wurde, begeisterte das Publikum. Dem Chor, dem „ensemble flessibile“ und Solisten gelang ein großartiges Konzert auf hohem musikalischem Niveau.

Komponist musste fliehen vor dem Nazi-Regime

Paul Ben-Haim wurde in Mün­chen unter dem Namen Paul Fran­ken­bur­ger geboren und war als Dirigent unter anderem in Augsburg tätig. Gleich nach der Machtergrei­fung der National­sozialisten 1933 emi­grier­te er nach Palästina und wurde später die zentrale Kompo­nisten­per­sönlichkeit für jüdische Musik.

Der Tenor Dietrich Wrase erweist sich als Glücksgriff für die Rolle des Kantors. Sein überragender Gesang eröffnet das Konzert im 1914 von Maurice Ravel komponierten „Kaddisch“, einem feierlichen Gebet zur Lobpreisung Gottes, das in aramäischer Sprache gesungen wird. Nur von der Harfe begleitet, brilliert er in anspruchsvollen Koloraturen mit glühender innerer Anteilnahme. Bei seinen zahlreichen weiteren Partien des Abends demonstriert der Sänger Strahlkraft in der Höhe und angenehmes Timbre und Wärme in der Mittellage.

Barbara Stoll – Schauspielerin, Senderstimme von „Arte“ und Mitglied des Sprecher-Ensembles im SWR – verleiht dem Konzert den literarischen Kontrapunkt und den roten Faden durch die Rezitation eindrücklicher Texte unter anderem von Marcel Reich-Ranicki, Jizchak Katzenelson, Nelly Sachs und Arnold Schönberg, der das „Shma Israel“, das jüdische Glaubensbekenntnis für sein Werk „Ein Überlebender aus Warschau“ (1947) mit einem erschütternden Text über Vorgänge im KZ Auschwitz ergänzt hat. Hochkarätige Sprechkunst zeigt Stoll hier beim Ausdruck von Leid und Todesangst der Häftlinge oder der Brutalität des Nazi-Feldwebels im Berliner Dialekt. Ihre Wut und Anteilnahme spiegelt sich beim Wechsel des Stimmtimbres, der Lautstärke und der Sprechgeschwindigkeit.

Konzertmeister Wolfgang Jellinek gestaltet die „Sonate für Violine solo“ von Paul Ben-Haim, die dem Hauptwerk des Abends vorangestellt wird, im wehmütigen Duktus und brilliert mit lupenreinen Tönen in höchster Lage.

Als große Könner auf ihren Instrumenten erweisen sich die neun Musiker des „ensemble flessibile“. Ergreifend lassen sie das Orchestervorspiel zur „Schabbat-Liturgie“ in moderner neutönerischer Musiksprache erklingen, ehe der Chor einsetzt, um mit kraftvollem Ausruf die Herrlichkeit und Größe Gottes zu loben. Schon hier wird die hohe sängerische Qualität des „coro per resistencia“ offenbar. Exakte Einsätze, deutliche Aussprache, homogener Chorklang und reine Intonation gehören zur DNA des Nürtinger Chors, was sich später besonders in den A-cappella-Sätzen zeigt. Bei der Musik zum „Entzünden der Schabbat-Kerzen“ besticht der Frauenchor mit edlem, weihevollem Gesang, wozu auch Caroline Oestreich mit ihrer wohlklingenden Sopranstimme beiträgt.

Flehen um Rettung und Gnade

Zuversicht und Hoffnung verbreitet die Schabbat-Hymne „Lechah dodi“, („Auf, mein Freund, komm in Frieden“), wo Chor und Orchester eine wunderbare klangliche Verschmelzung eingehen. Violoncello, Oboe und Harfe steuern faszinierende Farbtupfer bei. Ben-Haims Musik spiegelt den Textgehalt vortrefflich wider: Im Flehen der Sängerschar um Rettung und Gnade gleichen hartnäckige Motiv-Wiederholungen einer Litanei und dem aufgebrachten Kantor stellt er ein klagendes Englischhorn zur Seite (Elisabeth Wieland). In dramatischen Passagen hört man das gesamte Vokal- und Instrumental-Ensemble im vollen Klang mit wildem Flirren in Bläsern und Harfe. Und das innige Gebet „Frieden von nun an ewig“ gestalten die Choristen gefühlvoll im zarten Pianissimo.

Fabian Wöhrle überträgt seine hohe Musikalität und Empfindungsgabe mit sicherem Dirigat auf sein Ensemble und fordert differenzierte Gestaltung in Dynamik und Ausdruck. Mit der Konzeption des Programms hat er ein Gesamtkunstwerk geschaffen, in dem Musik und Literatur eine Synthese eingehen.

Das letzte Lied des Abends, „Kiddusch“ von Kurt Weill (Instrumentierung Fabian Wöhrle), gibt Dietrich Wrase nochmals Gelegenheit, in der Rolle des Kantors seine Tenorstimme beschwörend einzusetzen als Plädoyer für den Frieden, das der Chor in auf- und abschwingenden Vokalisen (Tonfolgen nur auf Vokale gesungen) und im Amen („so sei es“) bekräftigt. Die Zuhörerinnen und Zuhörer verharren lange in der Stille, die an diesem besonderen Tag wie eine Gedenkminute für Opfer von Gewaltherrschaft wirkt, ehe sie mit ausgiebigem Applaus die großartige Leistung aller Agierenden würdigen.

Die zweite Aufführung des Konzerts am Sonntag in der Südkirche in Esslingen fand ebenfalls eine sehr positive Resonanz.

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