Nürtingen
65 Jahre nach Abitur am Nürtinger MPG: „Skurrile Typen“ und streikende Lehrer
Seit 65 Jahren schafft es die 9b des Abschlussjahrgangs 1961/62 des heutigen Max-Planck-Gymnasiums Nürtingen, sich jährlich zu treffen. Dabei wurde die Klasse damals sogar als „gymnasialunwürdig“ eingestuft.
NÜRTINGEN. Der Französischlehrer verweigerte den Unterricht, weil die Schülerinnen und Schüler Volkslieder in den Pausen trällerten. Sogar als „gymnasialunwürdig“ wurde die einstige 9b eingestuft. Die 24 Schüler, die vor 65 Jahren am heutigen Max-Planck-Gymnasium ihr Abitur machten, hielten die Lehrkräfte auf Trab. Doch die Klasse wusste sich zu helfen und organisierte den Französischunterricht kurzerhand selbst. Im Fach Deutsch ging es deutlich besser zu: Bodo Schuster schrieb einen „knallig bombastischen Aufsatz“, wie das fein säuberlich geführte Unterrichtstagebuch verrät. „Manche von uns waren besondere Charaktere, aber keiner überheblich“, sagt Wilhelm „Willes“ Haußmann und lacht. Einmal im Jahr treffen sich Schuster, Haußmann und die Klassenkameraden und schwelgen in Erinnerungen.
Mit Gesang, Sternen und Kaffeebohnen durchs Leben
Es war eine männerdominierte Klasse mit nur zwei Schülerinnen. Eine von ihnen war Sigrid Müller, geborene Kuhn, aus dem Gesangstrio Geschwister Kuhn aus Oberensingen. Noch heute begleitet sie die Musik als Chorleiterin des Sängerkranzes Nürtingen. Trotz oder gerade wegen der geträllerten Volkslieder auf dem Schulhof, machte sie aus der Musik eine Karriere.
„Wir hatten es noch leichter nach der Schule“, sagt Schuster. Der Einstieg in viele Berufe sei deutlich einfacher als heute gewesen. Zwei Schüler der Klasse 9b wurden Ärzte und zwei weitere Schulräte. Viele haben ihre Interessen im Beruf ausgelebt: Rudolf Hartl hatte das Weltall für sich entdeckt und häufig den Himmel und die Sterne durch sein Fernrohr beobachtet. Damit er nachts wach bleiben konnte, kaute er Kaffeebohnen. Am nächsten Morgen war er dann meist entsprechend aufgedreht in der Schule. „Wir waren schon ein paar skurrile Typen“, sagt Schuster und lacht. Er und Haußmann schlugen beide eine Laufbahn als Lehrkräfte ein. Hartl ging bis zu seinem frühen Tod seiner Faszination für das Weltall als Atomphysiker nach.
Keine Langeweile auf den Klassentreffen
Kürzlich trafen sich die ehemaligen Schülerinnen und Schüler der 9b im Stadtmuseum Nürtingen. Museumsleiterin Melina Wießler führte die Klasse durch die Ausstellung und erläuterte die Ausstellungsstücke. „Sie machte das wunderbar und ging auf all unsere Fragen und Beiträge ein. Manche von uns konnten sogar noch mehr Wissen hinzufügen“, so Schuster. Viele Klassenkameraden der ehemaligen 9b sind und waren gut vernetzt in Nürtingen und ließen hier alte Geschichten aus ihrer Jugend aufleben.
„Wir haben uns ein Leben lang nicht aus den Augen verloren“, freut sich Haußmann. Für die alljährlichen Zusammenkünfte plant er stets etwas Neues: Vom Hölderlinhaus in Nürtingen, den Kelten in Erkenbrechtsweiler, über das Grammophonmuseum in Hengen bis hin zur Kugelmühle in Neidlingen haben sie in den vergangenen Jahren so manches gemeinsam erlebt.
„Die Treffen waren nicht nur Bier herunterläppern und Wurst knarzen“, sagt Schuster und lacht. Es gab also keinen alljährlichen Stammtisch mit Bier und Wurst, sondern deutlich mehr Programm und etwas zu erleben. „Willes hat alle zusammengehalten“, so Schuster. Wilhelm „Willes“ Haußmann zieht nach 65 Jahren dann auch ein Fazit, das wie maßgeschneidert auf die einstige 9b passt: „Schulleistung korreliert nur selten mit der Lebensleistung.“
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