140 Jahre Baur Heizung und Wasser in Frickenhausen
In Frickenhausen von „Rohr und Dampfanlagen“ zu High-Tech-Systemen mit Software und Sensorik
Dreimal Adolf Baur, einmal Eberhard und einmal Armin. Fünf Generationen prägen die Firmengeschichte des Frickenhäuser Heizungsbau-Unternehmens, das sich über drei Jahrhunderte hinweg einem stetigen Wandel mit Unternehmermut gestellt hat. Was als kleiner Handwerksbetrieb begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer beachtlichen Größe. In diesem Monat feiert der Betrieb sein 140-jähriges Bestehen.
FRICKENHAUSEN. Man schreibt das Jahr 1886. Am 3. Mai, einem Montag, gründet Adolf Baur (der Erste von drei Adolf Baur in der Firmengeschichte) und bereits selber Vater seines 1885 geborenen Sohnes (Adolf II), einen Flaschnerei-Betrieb in Reutlingen. Um diese Zeit war die Flaschnerei ein Handwerk, das vor allem Gebrauchsgegenstände aus Blech, wie Eimer, Dosen und Hausrat herstellte. Der Flaschner war Metallhandwerker für alles, was am Gebäude aus Blech, Zink, Kupfer oder Blei bestand – und er arbeitete fast ausschließlich mit Handwerkzeugen.
Industrialisierung in vollem Gange
Zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es dann auch schon die ersten zentralen Wasserversorgungen, Kanalisationen entstanden, oft nur in Großstädten. Badewannen und Toiletten waren Luxusgüter. Geheizt wurde mit Holz und Kohle. Ein neues Tätigkeitsfeld für den Flaschner Adolf Baur eröffnete sich, denn industriell gefertigte Blechwaren verdrängten zunehmend die handwerkliche Produktion von Haushaltsgegenständen. So arbeitete der Firmengründer mittlerweile auch in den Bereichen Heizung und Sanitär und betreute viele Firmenkunden, die mit Dampfheizungen arbeiteten. Die Industrialisierung war in vollem Gange und die Dampfhei-zungen waren zu dieser Zeit technisch faszinierend, teilweise gefährlich und spielten eine wichtige Rolle auf dem Weg zur modernen Zentralheizung. Sie waren vor allem in Fabriken, großen Wohnhäusern, Hotels, Krankenhäusern und öffentlichen Gebäuden verbreitet – weniger in normalen Wohnhäusern, weil sie teuer und anspruchsvoll im Betrieb waren. Die Flaschnerei befand sich in vollem Aufschwung. Denn bereits zwölf Jahre später, 1898, reichte Adolf Baur ein Baugesuch für die Erweiterung der Werkstatt und des Ladens in der Lederstraße 47a in Reutlingen ein. 10 Mitarbeiter waren für die Firma tätig. In dieser Zeit wurde auch sein Sohn geboren, der wie er Adolf heißen sollte. Sohn Adolf arbeitete zur Jahrhundertwende bereits im Unternehmen mit. Bei Arbeiten in einem Privathaus einer Unternehmerfamilie lernte Adolf Junior seine spätere Ehefrau kennen, die dort als Kindermädchen arbeitete. Luise Baur stammte aus Frickenhausen. Und so kam es, dass der Betrieb zu seinem jetzigen Firmensitz in die Steinach-Gemeinde kam.
Umzug nach Frickenhausen
Der Umzug in die Hauptstraße nach Frickenhausen erfolgte im Jahr 1912, wo Adolf Baur junior erneut eine Flaschnerei gründete. In dieser Phase entwickelte sich der Betrieb kontinuierlich weiter: Die handwerklichen Anforderungen änderten sich, und das Unternehmen spezialisierte sich zunehmend auf Sanitärtechnik und Blechverarbeitung. Ein Umzug in die Schweiz war geplant, doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 zerschlugen sich alle Vorhaben. Der junge Unternehmer blieb in Frickenhausen und baute den Betrieb in den folgenden zehn Jahren mit großem Fleiß und unternehmerischer Weitsicht weiter aus. Sodass 1923 ein weiterer Umzug innerhalb Frickenhausens anstand. Das Gebäude in der Nürtinger Straße 1 war fortan der neue Fir-mensitz. Die Sanitärtechnik entwickelte sich rasant weiter, und Installateure wurden immer wichtiger für Wasserleitungen, Abwassertechnik und einfache Heizsysteme. Mittlerweile haben auch die Brüder Adolf (nun der Dritte) und Wilhelm das Licht der Welt erblickt. Das Gewerbe entwickelte sich hin zu einem technisch spezialisierten Installationsgewerbe.
SHK-Handwerk wird zum Schlüsselgewerk
In den Kriegsjahren zwischen 1939 und 1945 blieb das Sanitär‑ und Heizungshandwerk (SHK) für die zivile Infrastruktur unverzichtbar: Wasser‑und Heizsysteme mussten weiterhin gewartet und repariert werden. Nach dem Krieg übernahmen die Brüder Adolf und Wilhelm den Betrieb und firmierten sodann unter dem Namen Gebrüder Baur OHG. Firmensitz blieb weiterhin das Gebäude in der Nürtinger Straße 1. Die folgenden Jahre waren wiederum von großem Erfolg und technischem Fortschritt geprägt. Nach 1945 erlebte das SHK-Handwerk einen tiefgreifenden Aufschwung, der bis heute anhält: Wiederaufbau, Modernisierung der Haustechnik und später die Energiewende machen das Gewerk zu einem der zentralen technischen Handwerke Deutschlands.
Nach dem Krieg waren viele Gebäude beschädigt, Wasser‑ und Heizungsanlagen zerstört oder funktionsunfähig. Das „Wirtschaftswunder“ brachte auch der Firma Baur viele Aufträge aus der Industrie, wie beispielsweise von den damals florierenden Stickereien und Webereien aus Nürtingen und Frickenhausen. Mit dem Wiederaufbau und dem starken Wohnungsneubau stieg der Bedarf an modernen Sanitär‑ und Heizungsanlagen enorm. Wesentliche Entwicklungen: flächendeckende Einführung von Badezimmern in Wohnhäusern, Ausbau von Zentralheizungen statt Einzelöfen, zunehmende Standardisierung von Rohrsystemen und Armaturen, Professionalisierung der Installationsbetriebe. In dieser Phase wurde das SHK‑Handwerk zu einem Schlüsselgewerk des Wohnungsbaus. 1952 wurde das erste motorbetriebene Fahrzeug angeschafft. Adolf Baur III besaß keinen Autoführerschein. So wurde ein Motorrad mit Seitenwagen zum Firmenwagen.
Neubau eines Lager und einer Garage 1956
Eine erhebliche Erleichterung für alle Beteiligten. 1956 war die Auftragslage so gut, dass diese den Neubau eines Lagers und einer Garage am heutigen Standort in der Liststraße 7 erforderlich machte. In den kommenden Jahren wurde das Gebäude sukzessive um eine Werkstatt, Büro und Sozialräume erweitert. Der heutige Seniorchef Eberhard Baur, Jahrgang 1942, hat bereits eine bewegte und schöne Kindheit mit seinem Opa Adolf Baur (dem Zweiten) hinter sich und steht kurz davor, seine Ausbildung als Installateur und Flaschner im eigenen Betrieb zu beginnen. Der heute 83‑Jährige kann sich noch an vieles aus seiner Jugend erinnern. Eine Anekdote ist ihm dabei besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben: „Einer unserer Monteure wollte angeblich seine Tante besuchen. Mein Vater erlaubte ihm dafür, das Motorrad mitzunehmen. Eine Tante gab es natürlich nicht – er wollte zu seinen Freunden nach Ulm fahren. Auf dem Weg dorthin ist er in Gruibingen in einen Busch gefahren. Der Seitenwagen löste sich und rollte weiter, bis er ausgerechnet auf dem Fest des Bürgermeisters von Gruibingen zum Stehen kam. Da war was los. Die Sache flog natürlich auf, und es gab jede Menge Ärger. Das Motorrad war hinüber.“ Eberhard Baur erzählt diese Geschichte mit einem schelmischen Funkeln in den Augen. In den 60er-Jahren ging es Schlag auf Schlag weiter: 1962 wurde ein VW Bulli als Firmenfahrzeug erworben. Damit konnten die Reichweite und das Angebot des Betriebes weiter ausgebaut werden. 1965 erfolgte der Spatenstich zum heutigen Firmensitz. In der Liststraße kam zum Lager und der Garage ein Gebäude hinzu.
Gründung der Heizung und Wasser Adolf und Eberhard Baur GmbH
1971 wurde Armin Baur, der heutige Geschäftsführer geboren. Auch er ist, wie sein Vater, in der Firma groß geworden. 1977 gab es eine Zeitenwende für Adolf Baur und seinen Sohn Eberhard. Die Brüder Adolf und Wilhelm trennten sich. 1979 gründen Adolf und Eberhard gemeinsam die bis heute bestehende Firma Heizung und Wasser Adolf und Eberhard Baur GmbH.
Die 70er-Jahre waren zudem geprägt von Energiekrisen und neuen Umweltstandards. Die Einführung energiesparender Heizsysteme, erste Solarthermieanlagen, Ausbau der Lüftungs‑ und Klimatechnik, stärkere Normierung und technische Regelwerke änderten das Berufsbild bis weit in die 90er Jahre. Das Handwerk wurde zunehmend technikorientiert, und die Anforderungen an Fachwissen stiegen.
In den 1980er‑Jahren gewann das Badezimmer zunehmend an gestalterischer Bedeutung. Es wurde farbiger, mutiger und stärker als eigener Wohnraum wahrgenommen. Mit diesem Wandel im Blick eröffnete das Unternehmen Baur seine erste Ausstellung für Heizungstechnik und Sanitär.
„Arbeit geht nie aus“
Bereits mit zwölf Jahren arbeitete Armin Baur in den Ferien beim Vater und Großvater mit. Was er einmal machen möchte, das war für ihn noch nicht klar. Die Erkenntnis kam während seiner Zeit auf dem Technischen Gymnasium. Da war klar, dass er auf jeden Fall einen technischen Beruf erlernen möchte. So folgte nach dem Abitur 1990 die Ausbildung als Gas- und Wasserinstallateur in einem Betrieb fernab von Vater und Opa. „Irgendwie rutscht man so langsam rein in seine Aufgaben. Mich haben die Entfaltungsmöglichkeiten im Handwerk begeistert und ich betrachte den Beruf besonders heute als sehr spannend und zukunftsfähig“, blickt Armin Baur zurück. Und der Senior Eberhard Baur fügt an: „Dieser Beruf ist ein sicheres Geschäft für Lehrlinge. Unsere Arbeit geht nie aus. Im Winter brauchen wir eine funktionierende Heizung und das ganze Jahr über funktionierende Toiletten, warmes Wasser und auch ein dichtes Dach.“
Die 90er bringen auch wieder einige Veränderungen. Zum bestehenden Firmengebäude wird ein Anbau errichtet und die Ausstellung wird vergrößert und neu gestaltet. Es standen vor allem auch die Modernisierung alter Öl‑ und Gasheizungen, die ersten Austauschpflichten für ineffiziente Kessel sowie eine wachsende Diskussion über Energieeffizienz und Emissionen im Mittelpunkt. Heizöl blieb verbreitet, galt aber zunehmend als teurer und weniger effizient, und viele Anlagen aus den 70ern und 80ern mussten technisch erneuert werden. Um die Kunden aufzuklären und sich als starker Partner in diesem Bereich zu positionieren, fanden 1995 die ersten regelmäßigen Fachvorträge zu den Themen Heizungsmodernisierung und Vorschriften statt. Das Thema Klimaschutz rückte immer mehr in den Fokus.
Klima- und Umweltschutz wurde zu einem zentralen Thema
Klima- und Umweltschutz wurde im Lauf der Jahre zu einem zentralen Thema. Kurz vor der Jahrtausendwende, 1999, errichtete die Firma Baur einen Entsorgungshof. Die umweltgerechte Entsorgung und Mülltrennung gewannen damit einen festen Platz im betrieblichen Alltag. Der Entsorgungshof ermöglicht es, Altmaterialien wie Metalle, Kunststoffe, Verpackungen, Dämmstoffe und Bauschutt sauber voneinander zu trennen und fachgerecht zu entsorgen. Dadurch können wertvolle Rohstoffe dem Recycling zugeführt und Schadstoffe zuverlässig aus dem Kreislauf entfernt werden. Federführend für die Zertifizierung war Armin Baur, der mittlerweile ein Studium der Versorgungstechnik abgeschlossen hatte. Der damalige baden-württembergische Umweltminister Ulrich Müller brachte zur Eröffnung persönlich die Zertifizierungsurkunde nach Frickenhausen. „Wir waren einer der ersten Handwerksbetriebe in Deutschland mit eigenem Entsorgungshof“, blickt Armin Baur stolz zurück. So lag es dann auch nahe, dass Armin Baur im Jahr 2001 in die Geschäftsführung eintrat. Auch er hat, wie die Generationen zuvor, den Wandel in seinem Handwerk immer fest im Blick. 2005 wurde der Bau eines Vortrags- und Schulungsraumes verwirklicht. Bis heute ist der Betrieb gut aufgestellt.
140 Jahre sind Zeugen für Beständigkeit, Innovationskraft und die Fähigkeit, sich immer wieder neu auf technische wie gesellschaftliche Veränderungen einzustellen. Die lange Firmengeschichte zeigt, dass Tradition und Fortschritt kein Widerspruch sind. Vater und Sohn sind sich einig: „Der Wandel in unserem Gewerk ist gewaltig. Das SHK‑Handwerk hat sich zu einem Schlüsselgewerk der Energiewende gewandelt.“