Nürtingen

Kommentar zur Lizenzentscheidung: Es geht nicht mehr ums Sportliche

Die TG Nürtingen erhält keine Erstliga-Zulassung. Vor allem für den deutschen Frauenhandball ist das ein Armutszeugnis, findet NZ/WZ-Sportredakteur Jens S. Vöhringer.

In der Sporlastic-Arena wird es auch nächste Saison in der Zweiten Bundesliga weitergehen. Foto: Ralf Just

Sententiam dicet, der Verband Handball-Bundesliga der Frauen hat sein Urteil gesprochen – und zwar gegen den erstmaligen Antrag der TG Nürtingen auf Erteilung einer Erstliga-Lizenz. Abgelehnt wurde dieser wegen Nichterfüllung infrastruktureller Kriterien der hiesigen Spielstätte. Drei Tage vor dem wohl alles entscheidenden Topspiel gegen den Spitzenreiter Füchse Berlin. Es gibt geschicktere Termine, doch mit Feinfühligkeit ist es auch bei Sportverbänden mitunter immer so eine Sache. Damit herrscht nun zumindest Klarheit: Frauenhandball in Deutschlands höchster Spielklasse wird es in Nürtingen vorerst nicht geben.

Das ist äußerst schade, denn sportlich mischen die „Neckarmädels“ mittlerweile im deutschen Unterhaus die Konkurrenz auf, spielen ganz vorne mit, haben drei Spieltage vor Saisonende sogar noch rechnerische Chancen auf die Meisterschaft. Das scheint im deutschen Frauenhandball allerdings keineswegs im Vordergrund zu stehen: ein Armutszeugnis. Mittlerweile bestimmen andere Kriterien über Wohl und Wehe von Zulassungen zu Ligen, die sich anscheinend immer weiter auch zu geschlossenen Gesellschaften entwickeln.

Große Risiken für Vereine

Es geht anno 2026 nicht mehr vorwiegend um sportliche Leistungen. Im deutschen Spitzen-Frauenhandball zählen andere Werte: Geld, ausreichend große Hallen mit natürlich zwei Tribünen, die Platz für mindestens 1500 Zuschauer bieten, sowie allerlei Schnickschnack, um bei potenziellen digitalen Zuschauern – die es in großem Maße gar nicht gibt – Anklang zu finden. Es sind hohe Auflagen für meist ohnehin schon finanziell alles andere als auf Rosen gebettete Vereine. Geld, das vor allem bei den Zweitligavereinen Mangelware ist, und auch in Spielerinnen oder eigene Infrastruktur gesteckt werden könnte, soll erst einmal dafür genutzt werden, die Klubs „erstligatauglich“ zu machen, sprich Standards zu erfüllen, die für viele Vereine auch große Risiken bergen.

Die TG Nürtingen wäre dieses Risiko gegangen, hat mit besagtem Erstliga-Lizenz-Antrag gezeigt, dass sie den eingeschlagenen Weg weitergehen will. Es war ein Statement eines Vereins, dem bis vor nicht allzu langer Zeit noch ein Graue-Maus-Image im deutschen Unterhaus anhaftete.

Strukturen sind gewachsen

Dennoch: Die Turngemeinde ist und war in dieser Zweitliga-Saison das wohl heißeste Team der Liga, das mit dem mit Abstand größten Zuschauerzuspruch. Ein Verein, der sich gewandelt hat, besagtes Image abgelegt und sich zu einer Topmannschaft mit mittlerweile weitaus besseren Strukturen als noch vor nicht allzu langer Zeit entwickelt hat.

Belohnt oder gewürdigt werden die Bemühungen von den Verbandsoberen nicht, augenscheinlich ja nicht einmal gesehen. Und daher bleibt die Tür zur Beletage für die TG Nürtingen auch vorerst geschlossen. Wie heißt es doch gleich im Lateinischen? Sententiam dicet!

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