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Ein Haus zieht um

Wandelemente des historischen Gartensaals der Wilhelmshöhe werden für Wiederaufbau im Freilichtmuseum aufbereitet

Eine Hauswand am Haken: sie gehört zum historischen Tanz- und Festsaal der ehemaligen Geislinger Gaststätte Wilhelmshöhe, der im Freilichtmuseum wieder aufgebaut wird. Fotos: Holzwarth

Eine Holzwand schwebt am Haken des Kranseils, hoch über den Köpfen der Schaulustigen am Donnerstagmorgen in Geislingen. Es ist ein Teil des Tanzsaals, der zur Gaststätte ihrer Eltern gehörte und nun – nein, nicht abgebrochen, sondern fein säuberlich in seine Einzelteile zerlegt wurde, um im Freilichmuseum Beuren des Landkreises Esslingen wieder Platz zu finden.

„Hier hängt ein Stück meiner Heimat in der Luft“, sagte Inge Hafner etwas wehmütig, am Donnerstagmorgen beim Abbau, um aber gleich hinterher zu schicken: „Innerlich verspüre ich jetzt aber auch ein großes Glücksgefühl, weil das Gebäude nicht verloren geht.“ Langsam lässt der Kranführer das Teil auf die Transportfläche des Tiefladers sinken, wo es in einer Spezialverpackung aus Stahlgestellen und Spannseilen sicher die Reise nach Rot an der Rot zur Firma Jako antritt, die bereits in der Vergangenheit historische Gebäude für das Freilichtmuseum transloziert, also versetzt hat. In der Restaurierungshalle der Firma wird es wieder aufgebaut, um schadhafte Stellen auszubessern oder zu rekonstruieren und es für viele weitere Jahre beständig zu machen.

Zuvor mussten die Gebäudeteile nummeriert und katalogisiert werden, jede einzelne Planke des Bretterbodens zum Beispiel, und viele andere Details. Als die Wandteile aus ihren Verankerungen gehoben wurden, waren die damit beschäftigten Fachleute doch etwas überrascht: keine Sicherungen zum Beispiel gegen Sturmwind waren zu finden und dennoch war der Gartensaal, der 1893 erbaut und 1937 vergrößert wurde, offenbar in sich so stabil errichtet, das er 125 Jahre Stand hielt.

Der Abtransport des 28 Meter langen und 15 Meter breiten Gebäudes ging in 16 möglichst großen Elementen vonstatten, um die Eingriffe möglichst klein zu halten. Die Schnittstellen richteten sich nach den Bauphasen oder konstruktiven Gegebenheiten. Bereits in den vergangenen Wochen wurden die Dachkonstruktion und Deckenteile rückgebaut.

Als letzter Mieter eröffnete der Geislinger Kunstkraftsportler Albert Küst 1978 in dem Gebäude eines der ersten Fitness-Studios Deutschlands. Die heutige Pensionärin Inge Hafner war als frühere Altenhilfefachberaterin des Landratsamts vielen bekannt. Dass der Saal verloren gehen sollte, weil die Gaststätte bereits in den sechziger Jahren aufgegeben wurde und sich zuletzt auch für den Gartensaal kein Nutzer mehr fand, wollte sie nicht akzeptieren. „Schon von Kind auf half ich in der elterlichen Gaststätte aus, war bei vielen Vereinsfesten und Hochzeiten dabei, jedes Wochenende war etwas los, teils an drei Tagen hintereinander, immer auch an Silvester“, erinnert sich die heute 65-Jährige. So lud sie 2006 zum Tag des Denkmals Steffi Cornelius, die Leiterin des landkreiseigenen Beurener Freilichtmuseums ein. Auch wenn dieser Saal nicht unter Denkmalschutz steht, so war Cornelius doch von Beginn an von dem Gebäude begeistert. „Es hat eine tolle Geschichte und die Familie hat vieles von dem Inventar aufbewahrt, dazu auch Dokumente, anhand derer sich vieles über die damalige Zeit erschließen lässt“, so Cornelius.

Inge Hafner (Mitte) freut sich mit Projektleiter Mosch und Museumsleiterin Steffi Cornelius über die Pläne zum Wiederaufbau des Tanz- und Festsaals im Beurener Freilichtmuseum.

Doch sind Häuser nicht mal so einfach ins Freilichtmuseum zu versetzen, eine Restaurierung und eine Translozierung sind aufwändig und daher kostenintensiv. Deshalb ist es umso wichtiger, dass sie ins Museumskonzept passt. So schlummerte Cornelius’ Begeisterung noch eine Weile, bis die Gelegenheit da war. Die Idee für ein Erlebnis- und Genusszentrum für alte Sorten, das im Feilichtmuseum derzeit eingerichtet wird, gab der Translozierung den entscheidenden Schub. Der Gartensaal soll der Mittelpunkt dieses Zentrums werden.

„Wir bauen auch einen verglasten Raum für eine Schauküche ein, in der demonstriert wird, was sich aus alten Obst-, Gemüse- und Getreidesorten so alles machen lässt“, erklärte Carl-Heinz Mosch vom Esslinger Landratsamt, Projektleiter für die Translozierung. Auch rund 50 Sitzplätze stehen zur Verfügung, für Interessierte an Vorführungen und an Verkostungen, im damaligen Ambiente der Gaststätte. „Der Saal hat zu einer Seite hin eine wunderbare Fensterfront“, schwärmt Cornelius. Er werde in Beuren in seinem Zustand aus den 50er-Jahren zwischen den Baugruppen Neckarland und Alb so aufgebaut, dass man beim Blick hinaus die Gärten, Äcker und Bäume des Museumsgeländes sieht, woher die Produkte stammen, die in der Schauküche verarbeitet werden.

Dazu gibt es eine Dauerausstellung, die über alte Sorten informiert, oder auch über den Sinn einer Genbank, die von der Nürtinger Hochschule für Wirtschaft und Umwelt eingerichtet betrieben wird und mit der man kooperiert. Und wie bei allen anderen Gebäuden des Freilichtmuseums wird in Aushängen die Geschichte des Gebäudes, seiner Nutzer und der damaligen Zeit erzählt, betont Cornelius. Neben den zahlreichen Zeugnissen wird Inge Hafner dazu sicher einiges beitragen können.

Kosten wird das Gesamtprojekt rund 1,63 Millionen Euro. Das Land fördert Translozierungen seiner sieben Freilichtmuseen mit 65 Prozent, sodass der Kreis mit rund 845 000 Euro rechnen kann. Der Förderverein des Museums gibt weiter 200 000 Euro dazu, außerdem sagte deren Vorsitzender Hans Weil für die nächsten fünf Jahre eine beachtliche Summe für die Betriebskosten des Genusszentrums aus Mitteln der Ehmann-Stiftung zu, bei der er Mitglied im Vorstand ist. Wenn alles nach Plan läuft, soll das Gebäude nach seiner Restaurierung in Rot wieder abgebaut und im Laufe der Museumssaison 2019 in Beuren originalgetreu wieder aufgebaut werden.

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