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Leserbriefe

Wo bleiben Mitgefühl und Verantwortung?

28.11.2020 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Helmut Weber, Aichtal-Neuenhaus. Vor über 75 Jahren – während des Kriegs, in Gegenwart der Leichenberge, des Leids und des Leidens – entstand unmittelbar eine Bürgerschaft, die Überleben, die Leben in und durch Gemeinschaft schulterte und sich später mit einer besonderen Verfassung und einem erneuerten Gemeinschaftswillen Freiheit zurückholte.

Muss man heute Maskenverweigerern, Pandemieleugnern, Demagogen, Verschwörungssüchtigen und Schadensverursachern unserer Gesundheitseinrichtungen das Leid eines Corona-Patienten und die Überlebensfrage dazu wünschen, damit so etwas wie Verantwortung und Mitgefühl für andere entsteht, weil das ohne Eigenerfahrung nicht möglich scheint?

Wir bewegen uns noch in einer großzügigen und liebenswerten Demokratie, die mehr Perfektion besitzt als Gegenteiliges. Hier ist es möglich, mit jedem Unsinn und manch gefährlichen Gedanken auf die Straße zu gehen, weil eine Verfassung dieses Recht schützt. Für Demokraten gilt dabei, vieles auszuhalten, das Minderheiten der Gemeinschaft zumuten. Der Preis dieser Staatsordnung wird deutlich, ist nicht nur ein fühlbar hoher, den eine Mehrheit zahlt, bei wachsender Rücksichtslosigkeit, die ihr entgegensteht und somit gegebene Grenzwerte unseres Rechts zu Lasten allgemeiner ziviler Freiheiten fortschreitend verschiebt.

Es gilt deshalb der Schutznotwendigkeit des Staats entgegenzuwirken: Wenn Politik oder Wissenschaft Teile der Gesellschaft nicht mehr erreichen, weil ein ausgegebenes Misstrauen deren Glaubhaftigkeit untergräbt, ist es an der Zeit, weitere auf den Plan zu rufen, solche Akteure, die ein allgemeines unterhaltsames öffentliches Interesse genießen und für viele deshalb bereits glaubwürdig sind – also eine Klientel erreichen, die sonst indifferent und leichter verführbar ist.

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