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Leserbriefe

Was wird aus Boss?

19.03.2008 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Gerhard Bauknecht, Nürtingen. Zum Leserbrief Landwirtschaft und Arbeit vom 14. März. Es geht hier um den Großen Forst und nicht darum, was Herrn Besemer so brennend interessiert, ob wir noch einen weiteren Betrieb haben oder nicht. Unsere Familie betreibt seit über 400 Jahren in Nürtingen Landwirtschaft und dies wollen wir weiterhin tun, um uns und die Bevölkerung zu ernähren. Bis in die 80er-Jahre hat die Stadt Nürtingen die Betriebe ins Breiten Löhle ausgesiedelt, damit hier wirtschaftlich gearbeitet werden kann. Die Ackerflächen auf dem Forst liegen direkt an und um die Hofstellen, alles andere ist in heutiger Zeit nicht mehr wirtschaftlich.

Wenn die Ackerflächen an den Hofstellen (durch Bau eines Industriegebietes) wegfallen und es nur noch weit entfernte landwirtschaftliche Flächen, Restflächen und Baulücken zu bewirtschaften gibt, kann dies nicht mehr kostendeckend sein. Die Landwirtschaft sowie das vor- und nachgelagerte Gewerbe schaffen auch Arbeitsplätze. In Deutschland ist jeder siebte Arbeitsplatz mit der Landwirtschaft verbunden!

Der Große Forst kostet die Stadt kein Geld und ist für viele Menschen ein Erholungsgebiet wie auch Lebensraum für viele Tiere. Außerdem ist er wichtig für die Stadt, nicht nur im Bezug auf die Frischluftzufuhr und den Wasserhaushalt. Nürtingen hat eine Arbeitslosenquote von 3,8 Prozent. Sie ist so niedrig wie kaum in einer anderen Stadt. Ich bin mir sicher, die wird nicht wesentlich sinken, selbst wenn der ganze Forst überbaut werden würde.

Das Eigenkapital der Firma Boss wird durch Permira auf 20 Prozent abgeschmolzen. Auch die Holy AG, die in Metzingen-Neuhausen das Distributionszentrum für Boss bauen wollte, ist zurückgetreten und hat die Fortentwicklung an die Hugo Boss AG übergeben. Möchte unsere Stadt ihr Tafelsilber wirklich günstig an ein momentan höchst umstrittenes Heuschrecken-Unternehmen verkaufen? Boss hat angekündigt, zukünftig an einem Bau in Metzingen und Nürtingen interessiert zu sein. Es stellt sich daher die Frage, ob die Boss AG in Riederich, Metzingen-Neuhausen und Nürtingen innerhalb kurzer Zeit ihr Bauvorhaben durchführen und finanzieren kann. Zudem gibt es Gerüchte, wonach sich Boss auch in Polen ansiedeln möchte. Dies sollte Nürtingen zu denken geben.

Das Distributionszentrum ist vielleicht in zehn Jahren abgeschrieben. Möglicherweise bietet es Arbeitsplätze mit geringen Verdienstmöglichkeiten, die vom Staat (das sind wir) noch unterstützt werden müssen, damit die Arbeitnehmer von ihrem Lohn leben können. Leider wird das bei steigenden Lebenshaltungskosten noch schlimmer werden. In diesem Punkt sind wir vom Ausland abhängig. Deshalb ist es erstrebenswert, Ackerflächen für Erzeugung von Lebensmitteln und Energie zu erhalten.

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