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Leserbriefe

Verhältnismäßig kurzsichtig

13.02.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Dr. Johannes Heimann, Nürtingen. Zum Artikel „Signalwirkung“ vom 9. Februar. Die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes in Mannheim, die nächtliche Ausgangssperre im Land zu kippen, kommentiert Annika Grah mit dem Satz: „Die Coronaregeln müssen verhältnismäßig bleiben.“ Den Richtern war die Zahl der jeden Tag an Covid-Verstorbenen, an ehemals Infizierten mit Langzeitfolgen und die drohende Gefahr durch die höher ansteckenden Virusmutanten nicht bekannt. Ich ergänze den Kommentar von Frau Grah: „Die Richter dieses Urteils können am Feierabend nach Hause. Die Ärzte und Krankenschwestern sollen weiterarbeiten.“ Denn direkt oberhalb dieses Kommentars liest man: „Stuttgart schließt Kita wegen Mutationsfällen. Jede achte Coronainfektion im Land geht auf eine Variante zurück.“

Die meisten Ministerpräsidenten, unfähig, aus Vergangenem zu lernen, stürzen ungeduldig wie die Schulkinder, wenn es bimmelt, aus der gemeinsamen Sitzung heraus, um sich populistisch in Ausstiegsszenarien zu überbieten. Und schon verbreitet sich das allgemeine Gefühl: „Jetzt können wir rasch zur Normalität zurück.“ „Harte Lockdowner“, „Alarmisten“ und „Mäkler“ haben ausgedient. „Alles wird gut.“

Das Gegenteil ist richtig: Wir stehen am Beginn einer neuen Welle. Bedingt durch die lasche Befolgung der AHAL-Maßnahmen, selektieren wir die höher ansteckenden Virusmutanten aus England und Südafrika. Was rauskommt, kann man gerade in Portugal sehen. Während der R-Wert der bisherigen Virus derzeit bei 0,8 – 0,9 liegt, liegt er bei den England-/Südafrika-Mutanten zwischen 1,05 und 1,2. Das nächste exponentielle Wachstum ist abzusehen.

Exponentielle Kurven verlaufen anfangs lange sehr flach, um ganz plötzlich steil nach oben zu gehen. Ist es also „verhältnismäßig“, erst zu reagieren, wenn die Kurve steil ist?

Es gibt leider immer noch das dumme Geschwätz, unsere Republik würde von Virologen regiert. Mittlerweile wünsche ich mir das herbei. Alle Virologen haben als Ziel des jetzigen Lockdown eine Neuinzidenzrate von unter 7 bei 100 000 Einwohnern und Woche empfohlen.

Unsere Regierenden geben sich mit 50 zufrieden: Umso rascher und umso länger werden wir alle im nächsten Lock-down sitzen. Und weitere 20 000 Todesfälle haben, die jetzt noch vermeidbar wären.

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