Leserbriefe

Schwangere müssen die Freiheit haben

05.02.2020 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Dr. med. Johannes Heimann, Nürtingen. Zur Ausstellung zum Down-Syndrom im Rathaus und dem Bericht „Trisomie ist keine Krankheit“ vom 29. Januar. Als Frauenarzt mit Schwerpunkt Pränataldiagnostik habe ich mit den hier dargestellten Fragen täglich zu tun. Einige Punkte zur Klärung: Jeder Frauenarzt ist verpflichtet (!), eine Schwangere ergebnisoffen über die Möglichkeiten der vorgeburtlichen Diagnostik zu informieren. „Informieren“ – dies verwechseln manche Frauenärzte mit „empfehlen“. Schrecklich der Satz: „ . . . unverantwortlich, wenn Sie das nicht untersuchen lassen“. Die Schwangere muss die Freiheit haben, sich für oder gegen eine Diagnostik zu entscheiden und aus einem vorgeburtlichen genetischen Befund Konsequenzen zu ziehen oder auch nicht. Es gibt keinen Automatismus!

Wenn sich eine Frau aber für eine Diagnostik entscheidet, dann muss ich ihr die aktuell beste Methode empfehlen. Der Bluttest ist eine große Bereicherung. Erfahrungen aus meiner Praxis: Vor 20 Jahren habe ich pro Woche zwischen sechs und 25 Fruchtwasserpunktionen gemacht und hatte alle vier Wochen einen schwerwiegenden genetischen Befund. Viele Schwangere wurden dem punktionsbedingten Risiko einer Fehlgeburt von 0,2 Prozent ausgesetzt. Das Ersttrimester-Screening („Nackenfalten-Messung“) erlaubte eine Risikoberechnung – nur noch ein bis zwei Fruchtwasserpunktionen fielen pro Woche an. Der Bluttest dagegen ist keine Risikoberechnung, sondern eine Diagnostik. Ein unauffälliges Ergebnis ist verlässlich.

Ein auffälliges Ergebnis muss durch Fruchtwasserpunktion abgesichert werden, diese musste ich nur noch selten machen. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche blieb unverändert niedrig. Die Problematik des Bluttestes liegt in der leichten Verfügbarkeit – es ist ja „nur eine Blutabnahme“. Die Schwelle, sich dafür zu entscheiden, muss aber genauso hoch liegen wie früher bei der Fruchtwasserpunktion. Wenn der Bluttest Kassenleistung in die Routinevorsorge wird, besteht die Gefahr, dass er zur Routine verkommt und dass Schwangere mit auffälligem Testergebnis unter Rechtfertigungs- oder gar Handlungsdruck geraten.

Wir brauchen gute Pränataldiagnostik, diese aber nur im individuellen Interesse der Schwangeren!

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