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Leserbriefe

Qualität der Stadtmitte bewahren

08.10.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hans Köhler, Bürgermeister a. D., Wendlingen. Zum Artikel „Die Stadtmitte soll grüner werden“ vom 23. September und zum Leserbrief „Wendlinger Aktionismus“ vom 2. Oktober.

Ich erinnere mich noch gut an jenen Moment während meiner Amtszeit als Bürgermeister, als die drei jungen Architekten Kai Haag, Sebastian Haffner, Tilmann Stroheker mir in meinem Amtszimmer ihren Entwurf der Neuen Stadtmitte zum ersten Mal vorstellten. Ihr Entwurf wurde von einem Preisgericht, in dem so renommierte Architekten wie Hans Kammerer, Arno Lederer und Max Bächer saßen, mit dem ersten Preis in einem städtebaulichen Ideen- und Realisierungswettbewerb bedacht.

Der Vortrag der drei Architekten begann mit Lichtbildern von toskanischen Städten. Man sah lange Häuserfronten, hohe Häuser, gepflasterte Plätze ohne Grün und mit Bäumen, interessante Raumkanten, schräge und ebene Platzflächen. Und aus der Draufsicht eines kleinen Stadtzentrums in der Toskana wurde durch eine Überblendung die Draufsicht des Modells der Neuen Stadtmitte entsprechend dem preisgekrönten Entwurf der drei Architekten.

Und da machte es gewissermaßen „Wumm“ in meinem Kopf und mir wurde – ohne dass es dazu noch Worte brauchte – klar, von welcher städtebaulichen Idee und von welchen einprägsamen historischen Stadträumen und Bauelementen die drei jungen Architekten sich haben leiten lassen.

Ja, diesen Entwurf wollte ich realisieren und die beiden Stadtteile Unterboihingen und Wendlingen mit diesem „toskanischen“ Baustein baulich vollends zusammenfügen. Heute, 33 Jahre nach der Eröffnung der Neuen Stadtmitte, erlebe ich mit großer Freude, wie die Neue Stadtmitte lebt und wie sie von der Bevölkerung angenommen wird.

„Ich möchte gern, dass meine Bauten Denkbrücken zwischen gestern und morgen sind“, schrieb Max Bächer, damals Vorsitzender des Preisgerichts, einmal in einem Aufsatz. Öffentliches Bauen steht immer in besonderer Verantwortung.

Unsere Neue Stadtmitte ist kein altes Ortszentrum mit Fachwerk, steilen Dächern und schmalen Gassen. Sie ist mit ihrer postmodernen Architektur selbstverständlich Ausdruck unserer Zeit, nimmt aber mit ihren einzelnen Bau- und Gestaltungselementen Maß an historischen Stadträumen. Das war der geniale Kunstgriff der drei jungen Architekten im Jahr 1982. Ich möchte dem ehemaligen Stadtrat Wolfgang Keller für seinen Leserbrief herzlich danken und Bürgermeister und Gemeinderat ebenso herzlich bitten, die hohe gestalterische Qualität unserer Neuen Stadtmitte zu bewahren.

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