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Nürtingen und seine Frittenmeile

23.07.2022 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen.

Gott sei Dank kommt Bewegung in die Debatte. Eine der wichtigsten Verkehrsadern in Nürtingen nicht nur sommers, sondern ganzjährig durchtrennen zu wollen, ist so kurzsichtig wie sein Name: „Stadtbalkon“ – behäbig wie Omas Kaffeeservice auf einer geblümelten Wachstuch-Tischdecke. Nürtingen halt.

Seit 20 Jahren geht es links und rechts vom Neckar zu wie auf der Echternacher Springprozession. Allerdings nicht drei Hüpfer vor und zwei zurück, sondern federn auf der Stelle. Wie in meinem Seniorensport. Mit Rettungsring, falls man in den Fluten des Hölderlin’schen Stromes versinken sollte.

Ob Wörth-Areal oder Westlicher Neckar, außer Spesen war nie was gewesen. Riesenaufwand mit Gutachtern, Wettbewerben, Sitzungen und verpulvertem Geld. Der Berg wollte gebären – heraus sprang ein Mäuslein.

Dazu im Gemeinderat ein Hickhack, dem ich sechs Jahre lang beiwohnen durfte. Und erst die vollmundigen Berichte jenes Ex-OB über seine „intensiven Gespräche“, die er unentwegt geführt haben wollte, um die Stadt „voranzubringen“. Besonders delikat seine intriganten Anläufe, die Kunstschule zum Teufel zu jagen und das Melchior-Areal mithilfe seiner hiesigen oder auswärtigen Kneipen- und Bauspezerln zu annektieren. Unfassbar.

Nach dem Wechsel an der Spitze durfte ein vernünftiger Neuanfang erwartet werden. Und nun diese Frittenmeile als Aushängeschild der Stadt! Mit Eisengeländer über der E-Werk-Staustufe und womöglich einem nächtlichen Flohmarkt. Da wiehert alles, was neckarauf- oder -abwärts den Fluss erfahrbar gemacht hat, ohne sich dabei ins Knie zu schießen.

Der ausgebremste Sanierer der Altstadt hätte das alles besser hingekriegt. Kenner wissen, wen ich meine. Aber wieder einmal bricht sich Nürtingen die Finger beim Nase- bohren. Für dicke Bretter reicht es einfach nicht. Dafür müsste erst mal das vor dem Kopf amputiert werden.

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