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Leserbriefe

Nicht mit dem Hackebeil sparen

19.02.2013 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen. Zum Artikel „Protest gegen die beabsichtigte Schließung“ vom 14. Februar. Mein Vorbild am Klavier war der Vater. Mutters beharrliche Geduld mein Antrieb. Gelernt habe ich das Klavierspielen seit meinem sechsten Lebensjahr bei der Klavierlehrerin im Wohnzimmer. In der Nürtinger Stadtkirche beim evangelischen Kantor das Orgelspielen. Bezahlt haben meine Eltern. Sponsoren oder Zuschüsse gab es nicht. Die Aufnahmeprüfung zur Musikhochschule habe ich locker geschafft, damals eine höhere Hürde als heute.

Als ich zwölf war, ist die Jugendmusikschule gegründet worden: Die Kinder sollten gemeinsam musizieren können. Für mich eine Wohltat, denn als Mitglied des katholischen Kleinbürgertums war ich im Gymnasium nur zweite Wahl. Im Schulorchester haben die höheren Töchter Klavier gespielt. Ich den Triangel. Das wurde 1961 anders, nachdem Musiklehrer Manfred Hehl gekommen war. Der hat mich angespornt, Schulmusik zu studieren.

Mein Fazit: Instrumentalunterricht ist Privatsache, Gruppenmusizieren ebenso wichtig, aber vorrangig Sache der Schule und der Vereine. Eine Stadt kann das auch machen – wenn Geld da ist. In Kirchheim macht das der Verein Musikschule. In Kirchheim gibt es sehr viele gute Instrumentalisten. Kommunale Aufgabe ist zuerst die Förderung des Einzelnen in der Gemeinschaft, so wie in der Schule oder in der Volkshochschule. Vorrangige Aufgabe von Kindergarten und Schule ist die Bildung durch Musik, nicht die Bildung zur Musik. Das wird heute mehr und mehr vernachlässigt, weil qualifizierte Fachlehrer fehlen. Wer diesem Niedergang von musischer Bildung begegnen will (Musik, Theater, Tanz, Malen, Gestalten und so weiter), der muss das Gemeinschaftliche fördern, nicht die Einzelausbildung am Instrument.

Die Stadt Nürtingen bietet das gemeinschaftliche Spielen und Musizieren an. Sogar für die Umlandgemeinden, wie die vielen Leserzuschriften zeigen! Das ist lo- bens- und erhaltenswert. Dazu zählen vorrangig die Bildungsangebote der Musikschul-Ensembles, der VHS-Kurse und der Jugendkunstschule. Wenn aber das Geld knapp ist, darf man gerade diese Angebote nicht zuerst zur Disposition stellen. Wirtschaftlichen Defiziten muss man primär durch finanzielle Beteiligung der Nutznießer begegnen, etwa durch vereinsähnliche Beiträge. Nicht mit dem Hackebeil.

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