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Leserbriefe

Moralische Überheblichkeit

26.06.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hans Köhler, Wendlingen. Zum Artikel „Bunter Protest erfasst die Republik“ vom 23. Juni. Nein, wir haben in Deutschland noch nicht viel dazugelernt. Immer noch – oder schon wieder – glauben Politiker, Intellektuelle und viele Medienschaffende, ja sogar auch Sportjournalisten, dass am „deutschen Wesen“ die Welt genesen sollte.

Unser erster Bundespräsident Dr. Theodor Heuss hat bereits im Jahr 1952 zur Eröffnung der Holocaust-Gedenkstätte Bergen-Belsen dieser Interpretation einer Gedichtzeile Emanuel Geibels eine klare Absage erteilt: „Es ist kein Volk besser als das andere, es gibt in jedem solche und solche. Amerika ist nicht ‚God’s own country‘, und der harmlose Emanuel Geibel hat einigen subalternen Unfug verursacht mit dem Wort, dass am deutschen Wesen noch einmal die Welt genesen werde.“

In einer direkten Reaktion auf einen entsprechenden Beschluss des ungarischen Parlaments wollte die Stadt München die Fußball-Arena anlässlich des Spiels gegen Ungarn in den Regenbogenfarben leuchten lassen. Aber gerade wegen dieses direkten Zusammenhangs musste die UEFA als politisch neutrale Institution den Antrag der Stadt München satzungsgemäß ablehnen.

Und jetzt ist die Aufregung und die Empörung groß. Jetzt müssen andere Stadien ersatzweise regenbogenfarben leuchten. Ich kenne kein demokratisch regiertes Land in Europa, das sich moralisch so überheblich gegenüber Dritten benimmt wie Deutschland.

Ich habe überhaupt keinen Anlass, die UEFA in Schutz zu nehmen. Die Geldgier der Sportfunktionäre in der FIFA, UEFA und im IOC stinkt mir schon lange, ebenso wie die Vergabe der Fußball-WM nach Katar und die Durchführung der Olympischen Spiele in einem Hoch-Inzidenz-Land wie Japan. Aber die „Regenbogenfrage“ hat die UEFA richtig entschieden.

Wir, die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, können jeden Tag die gebotene Toleranz gegenüber Menschen anderer Hautfarbe, anderen Glaubens, anderer sexueller Neigungen und so weiter leben. Und darauf kommt es an, mehr als auf Symbole!

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