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Monopoly pur

12.03.2008 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen. Bei Boss passt nichts mehr, hieß es am Samstag in einer Überschrift des Wirtschaftsteils. Den einen ungelegen, den anderen wie bestellt: Ein ganzspaltiger Bericht über die alarmierenden Entwicklungen bei Boss. Statt regionaler Fachleute entscheiden dort neuerdings britische Hedgefonds-Spezialisten. Und die wollen nur eins: Leihgeld, das sie bei Boss eingebracht haben, so schnell wie möglich mit hohem Profit wieder herauszuziehen. Die nächste Sonderausschüttung soll von 100 Millionen auf 400 erhöht werden! Das ist Monopoly pur.

Heute sagt man anders: Heuschrecken fallen ein, fressen alles kahl und schwirren zur nächsten Oase.

Daneben bleiben unsere regionalen Interessen zweitrangig. Arbeitsplätze, Umweltschonung, schmales Verkehrsaufkommen und so weiter Versprechen und Aussichten ohne Wert. Wenn sie der Profitmaximierung im Wege sein sollten, werden sie gestrichen. Einklagen kann man später nichts. Und aus dem fruchtbaren Ackerboden im Großen Forst wäre Fließsand geworden, auf dem unsere Träume von stabiler Zukunft in die Knie gehen. Ein unumkehrbarer Flurschaden.

Die Gegner des Boss-Projekts im Großen Forst sind in den letzten Wochen mit unschönen Etiketten beklebt worden. Apo, undemokratisch, Mobilisierung der Straße statt den gewählten Gremien zu vertrauen. Besonders schwer wiegt der Vorwurf, der Stadt Schaden zuzufügen. Aber was bleibt davon übrig angesichts der Tatsache, dass der Nürtinger Gemeinderat in zwei Lager geteilt worden ist: Hier die bevorzugten Eingeweihten, da die draußen vor der Tür! Danach kann es keine Objektivität mehr geben.

Nach solch demokratischem Flurschaden müssten die Karten neu gemischt werden. Weil sich aus Lagermentalität, Fraktionszwängen und persönlichen Loyalitäten keine Politik zum Nutzen der Stadt machen lässt.

Dabei ist alles ganz einfach. Das Boss-Projekt stammt aus alten Tagen, als Vorstand Bruno Sälzer, als Produktionsvorstand Werner Lackas noch auf ihren Stühlen saßen. Jetzt hat Permira aus London das Sagen. Reihenweise fallen die Personalberater ein, die Vorhut des Heuschreckenschwarms, vor der sich die noch amtierenden Manager ducken und den geordneten Rückzug vorbereiten. So aber war mit Nürtingen nicht gewettet!

Und deswegen verliert kein Nürtinger sein Gesicht, wenn er jetzt aus den alten Überlegungen aussteigt. Oberbürgermeister Heirich hat den Weg benannt: Bürgerbeteiligung. Also, Fakten auf den Tisch, Bürger umfassend informieren und Bürgervotum einholen. Dann im Rathaus entscheiden. In dieser Reihenfolge.

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