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Leserbriefe

Klinik-Alltag?

30.10.2007 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Gabriele Klink, Nürtingen. Zum Artikel Alter Mensch bleibt auf der Strecke vom 25. Oktober. Auch ich habe bedenkliche Erfahrungen sammeln müssen, welchen Stellenwert ein alter Mensch im Klinikum Nürtingen/Kirchheim einnehmen kann.

Ende Februar 2007 wurde eine 86 Jahre alte, rüstige Dame, die ich als befreundete Nachbarin mitbetreute, in das Klinikum Nürtingen eingewiesen. Hilflos und verletzt lag die Frau zwölf Stunden in ihrer Wohnung. Der gerufene Notarzt benötigte an diesem Sonntagmorgen 15 Minuten, die Klinik liegt in Sichtweite von uns. Am frühen Abend verstarb die alte Dame. Und niemand erfuhr davon.

Die Klinik rief mich 20 Stunden später an, sie könne keine Angehörigen ausfindig machen. Die Patientin lag mehrmals in kurzen Abständen in dieser Klinik. Später stellte sich heraus, dass man stets vergessen hatte, die Daten der Angehörigen aufzunehmen! Ich erfuhr am Telefon nicht nur Diagnose und Krankheitsverlauf (!), sondern wurde unter Druck gesetzt, die Angehörigen über den Todesfall zu informieren, da die Klinik nicht bereit war, über die Mailbox die Angehörigen um Rückruf zu bitten. Ich hatte aber gerade selbst überraschend meine Mutter zu Grabe getragen. Über die Mailbox informierte ich die Angehörigen.

Mit einem Protokoll wandte ich mich an die Klinikleitung und bat um Stellungnahme. Tiefes Schweigen. Der von mir eingeschaltete Patientenfürsprecher des Klinikums fragte zunächst vergeblich mehrmals nach, dann erfuhr er, dass es diesen Anrufer aus der Klinik nicht gab. Es wurde immer seltsamer. Ende April stellte sich heraus, dass der Anrufer, ein Arzt der Klinik, existierte! Die Klinik bestätigte mir, dass bei einem überlasteten Klinikpersonal es vorkommen könne, dass Patientendaten nicht erhoben würden. Aber ansonsten habe man alles korrekt gehandhabt. Ich wandte mich an den Landrat, dieser gab meine Unterlagen an eine andere Klinik weiter, die mir dann Mitte Juni mitteilte: ...dass es sich nicht um eine vergessene Tote oder einen unglaublichen Vorgang handelte. Vielmehr haben die zuständigen Mitarbeiter der Klinik in dem sehr anstrengenden und alle Kräfte fordernden Klinikalltag alles in ihrer Macht Stehende getan, um den Tod den Angehörigen mitzuteilen. Ich bin sicher, dass Sie bei objektiver Wertung des Schreibens von der Klinikleitung vom 23. 4. 07 dies auch so sehen können.

Seitdem habe ich leider von keiner Seite mehr etwas gehört. Die Angehörigen waren bei allen Klinikeinweisungen täglich zu Besuch und waren auf der Station auch bekannt. Allein schon der Gedanke, dies könne mir oder Familienangehörigen ebenso passieren, entsetzt mich noch heute. Aber das ist leider wohl schon Klinikalltag, besonders wenn es sich um alte Menschen handelt.

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