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Hochwasserschutz und die Klimakrise

07.08.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Raimund Braun, Nürtingen. Zu den Artikeln „Hochwasserschutz: Gefahr droht durch Neckar und Tiefenbach“ vom 17. Juli und „Hochwasserschutz jetzt angehen“ vom 23. Juli .

In zwei Interviews der Nürtinger Zeitung mit Verantwortungsträgern (OB Dr. Fridrich und Umweltminister a. D. Untersteller) wird mit Hinweis auf die verheerende Flutkatastrophe gefordert, an Neckar und Tiefenbach den technischen Hochwasserschutz zu realisieren, „also Dämme zu bauen oder zu erhöhen“. Der Fokus liegt bei diesen Plädoyers auf dem Neckar und dem Tiefenbach, als ob der Neckar keine anderen Nebenflüsse hätte, die ebenfalls in die Gesamtschau der Gefährdung einbezogen werden müssen. Aus den Erkenntnissen vorhergegangener Flutkatastrophen wurden Gesetze erlassen, die eine Bebauung in Überschwemmungsgebieten verhindern sollten.

Was sind Gesetze wert, die man nicht einhält und die so viele Schlupflöcher aufweisen, dass in Überschwemmungsgebieten noch munter Baugenehmigungen erteilt werden? Das jüngste Beispiel solch massiver Bebauung ist am Wasen in Nürtingen direkt am Neckarufer bald für alle zu erkennen. Weiter Baugenehmigungen in Gefahrenzonen zu erteilen und dann technische Lösungen als das Allheilmittel zu verkaufen, ist angesichts der Klimakrise nicht zu verantworten. Auch der Ausgleich von Retentionsraum, der für die Bebauung im Überschwemmungsgebiet geschaffen werden soll, ist oft ein Etikettenschwindel. Er kommt in der Realität meist einem Ablasshandel gleich, da der Verlust an natürlichem Rückhaltevolumen und CO2-Speicherung nicht oder nicht ausreichend kompensiert wird. Die Summen, die in den technischen Hochwasserschutz gesteckt werden, übersteigen bei Weitem die Investitionen in die natürliche Wasserrückhaltung, dabei sind Hochwasserschutz und Klimakrise nicht voneinander zu trennen. Der Natur muss mehr Raum gegeben werden – naturnahe Flussläufe speichern größere Mengen an Kohlenstoff und können so nicht nur zum Wasserrückhalt, sondern auch zur Bekämpfung der Klimakrise beitragen.

Zahlreiche Maßnahmen, die dem natürlichen Schutz vor Hochwasser dienen und die Klimakrise abmildern, sind bekannt und sollten zeitnah umgesetzt werden: weitere Bebauungen in Überschwemmungsgebieten einschränken, landwirtschaftlich genutzte Flächen in Flussauen naturnah bewirtschaften, Versiegelung in Städten reduzieren und mehr Grünflächen in Städten schaffen. Diese Maßnahmen bieten bei starkem Regen mehr Raum für die Aufnahme von Wasser, speichern CO2 und dienen so direkt dem Klimaschutz.

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