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Leserbriefe

Gegen polemische Herangehensweisen

16.07.2022 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Eberhard Ellwanger, NT-Reudern. Zum Leserbrief „Wer hört den Schrei der ungeborenen Kinder?“ vom 7. Juli.

Abtreibung: ein hochemotionales Thema und die Entscheidung zwischen Für und Wider ist sehr komplex. Wundert es mich noch, dass es sich hochgebildete Menschen dabei sehr einfach machen? Nein, denn ich habe schon so viele Alles-oder-Nichts-„Argumente“ gehört. Da wird mit Nazigräueln verglichen, da ist von Mord, vom Schrei des Embryos (hat man diesen je gehört?), von moralischer Verkommenheit, von einem Todesstoß und so weiter die Rede. Alles sehr markige Ausdrucksweisen, mit denen Personen, welche der Abtreibung zustimmen, möglichst hart angegangen werden.

Ich bin nicht generell für Abtreibungen, denn sie verursachen meist sehr großes Leid bei den betroffenen Müttern und zerstören Leben. Aber ich bin generell gegen polemische Herangehensweisen und Pauschalverurteilungen und hege zudem den Verdacht, dass sich die Verurteilenden nicht aufmachen, um den betroffenen Frauen zuzuhören. So vieles kann überhaupt nicht generell geklärt werden: Was geschieht mit Kindern und Frauen nach einer Vergewaltigung? Was soll eine Frau tun, die ein schwerstbehindertes Kind unmöglich allein großziehen kann? Muss eine schwerkranke Frau ihr Leben für das ungeborene Kind riskieren? Was passiert mit minderjährigen Frauen, mit Ehefrauen gewalttätiger Männer, Frauen, die nicht wissen wer der Vater ist oder andere Nöte haben? Was passiert mit Frauen, die in ihrer übergroßen Not illegal und ohne Betreuung abtreiben?

Schützen wir Leben, indem es gegen den Willen der Mutter auf die Welt gebracht und dann „den anderen“ überlassen wird? Wird da nicht lediglich das eigene enge Weltbild befriedigt? Und die christlich motivierten radikalen Lebensschützer frage ich, wie es Jesus vorgelebt hat. Hat er nicht immer zuerst mit den beschuldigten „Sündern“ gesprochen? Hat er nicht zuerst in ihr Herz geschaut und versucht, sie zu verstehen? Eigentlich ist es sehr einfach: wie so oft erreichen wir nur dann Einsicht und gegenseitiges Verständnis, wenn wir miteinander und nicht übereinander reden. Sobald wir versuchen, jemandem die eigenen Werte überzustülpen, üben wir genau die Gewalt aus, die wir uns bei uns selbst niemals gefallen lassen würden!

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