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Leserbriefe

Für mich ist Verhalten unentschuldbar

04.02.2013 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hellmut Kuby, Nürtingen. Meine Frau und ich haben am Mittwoch, das war der 30. Januar, im Fernsehprogramm von Phoenix die etwa einstündige Veranstaltung im Bundestag miterlebt. Ich sage bewusst: miterlebt. An dem Tag, an dem vor 80 Jahren Reichspräsident Hindenburg demokratisch legal Hitler zum Reichskanzler ernannte, gedachten die Abgeordneten des Bundestages und viele Gäste dieses Ereignisses. Denn es war der Beginn der furchtbarsten zwölf Jahre der deutschen Geschichte. Sie endeten erst mit der Kapitulation des Deutschen Reiches, des sogenannten Dritten Reiches, am 8. Mai 1945. Seit 1998 wird aber an das Ende dieser schrecklichen Zeit bereits am 27. Januar gedacht, dem Tag, an dem das Konzentrationslager Auschwitz 1945 befreit wurde. Sein Name ist das Symbol für die größte Grausamkeit der Geschichte, die brutale Tötung von Millionen Menschen, den Holocaust, durch Deutsche.

Bundestagspräsident Lammert hob die Bedeutung des Tages mit eindringlichen Worten hervor, wobei er bedauerte, dass die Veranstaltung nur von Phoenix, nicht aber von den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF übertragen wurde. Was die 90-jährige Jüdin Inge Deutschkron, die den Holocaust in Berlin versteckt überlebt hat, über die Zeit des Nationalsozialismus und die Anfangsjahre der BRD berichtete, war auch für den, der wie ich diese Zeit miterlebt hat, ein beeindruckendes Zeugnis. Und was berichtet unsere Zeitung, die Nürtinger Zeitung beziehungsweise die Stuttgarter Nachrichten, am Tag danach über dieses Ereignis? Nichts! Es ist nicht zu fassen. Titelbild Labbadia. Tagesthemen, Leitartikel, Kommentar: Anderes. Auch sonst nirgends ein Sterbenswörtchen.

„Was regst Du Dich auf, dass in Deiner Zeitung nicht das steht, was Du lesen möchtest? Du kannst Dich ja beim Chef in Stuttgart beschweren. Im Impressum steht sein Name. Dr. Christoph Reisinger“, könnte mir jemand sagen. Das ist es nicht, was mich beschäftigt. Es ist etwas anderes. Alle Umfragen, Untersuchungen und Tests kommen zum Ergebnis, dass das Wissen um unsere deutsche Vergangenheit, die vor 80 Jahren begonnen hat, erschreckend schlecht ist und dass gleichzeitig rechtsextremistische Propaganda auf fruchtbaren Boden fällt. Die Nazi-Vergangenheit wird verharmlost oder gar verherrlicht. Da wird die Gelegenheit, aus erster Hand, von einer Zeitzeugin, etwas zu hören über diese schlimme Zeit, ausgelassen. Das Ereignis wird totgeschwiegen. Welche Aufgabe hat unsere Presse? Brot und Spiele? (Wie im untergehenden alten Rom? ) Für mich ist das Verhalten der Stuttgarter Nachrichten ein unentschuldbarer Skandal.

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