Leserbriefe

Ein Loblied auf den TVU

30.01.2013, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Rainer Braun, Wendlingen. Zum Artikel „Jetzt sind die TVU-Mitglieder gefragt“ vom 23. Januar. Ich glaube, momentan eine Entwicklung in unserer Gesellschaft ausmachen zu können, der ich sehr kritisch gegenüberstehe. Ich nenne sie, anknüpfend an die Worte unseres Außenministers, den „Traum vom anstrengungslosen Wohlstand“.

Die meisten Eltern wollen nur „das Beste“ für ihr Kind. Sie träumen davon, dass ihre Kinder „erfolgreich“ und „glücklich“ durchs Leben gehen. Dabei ignorieren sie völlig, dass Erfolg und Glück kein Dauerzustand sein können, sondern lediglich eine Momentaufnahme sind. Kein Mensch kann immer nur erfolgreich und glücklich sein, abgesehen davon wäre es wahrscheinlich auch nicht auszuhalten.

Ein hohes Maß an Realitätsferne zeigen viele Eltern auch noch dadurch, dass sie der Meinung sind, Glück und Erfolg wären vereinbar. Die Schamanen haben dazu ein schönes Sprichwort. Sie sagen, dass der Weg in den Himmel durch die Hölle führt. Auf Deutsch gesagt ist der Weg zum Erfolg ein Leidensweg, der nicht immer Freude bereitet. Werden diese Eltern aber mit der bitteren Realität konfrontiert, dann stürmen sie die Institutionen und fordern von den Verantwortlichen, dass sie ihren Traum gefälligst in die Tat umzusetzen haben.

Trainer, Lehrer oder ihre Unterrichtsmodelle sind dann schuld, wenn entweder der Erfolg oder die Freude ausbleibt. Schnell wird dann nach Veränderungen gerufen oder auch mit Wechsel gedroht. Doch ist mir bisher noch kein Trainer oder Lehrer begegnet, der übers Wasser gehen kann und diesen gehobenen Ansprüchen auch nur annähernd gerecht werden konnte.

Mittlerweile ist aber auch schon die Politik von diesem „Traum“ ergriffen und gibt Unmengen an Geld aus, um die Bedingungen für die Erfüllung des Traums zu verbessern. Auch die Stadt Wendlingen ist „geblendet“ von der Vorstellung, eines Tages nur noch „glückliche“ und „erfolgreiche“ Bürger in ihrer Stadt zu haben. Daher fordert sie den TVU auf, in das Gelände am Speck zu ziehen und mitzumachen bei dem großen Traum vom anstrengungslosen Wohlstand. Ganz nach dem Motto: Alte Ideologien zerstört man mit neuen Strukturen (Sportanlagen).

Doch der TVU war bis jetzt traditionsbewusst, heimatverbunden und bodenständig. Ich habe meine Kindheit und Jugend in der Halle des TVU verbracht. Dieser Verein hat mein Leben mehr geprägt, als es eine Schule oder andere Institutionen jemals hätten tun können. Er hat mich gelehrt, dass Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Treue, Fleiß und Bodenständigkeit wichtig sind für ein erfülltes und fruchtbares Leben.

Er hat mich auch gelehrt, dass die so hoch angepriesenen Ziele, nämlich Erfolg und Glück, lediglich Momentaufnahmen sind, die schnell wieder verblassen, wenn man nicht ständig darin investiert.

Es mag sein, dass dieser Verein gerade nicht erfolgreich ist und auch kein Glück ausstrahlt. Er sorgt aber mit seiner aufrichtigen, ehrlichen Arbeit weiterhin dafür, dass das Leben auch in Zukunft noch ein bisschen menschlich bleibt. Daher tut es mir im Herzen weh, wenn ich mit ansehen muss, wie diesem wohlwollenden Verein von Seiten der Stadt keine ernstzunehmende Entscheidungsmöglichkeit gegeben wird. Ein bisschen mehr Wohlwollen, auch von Seiten der Stadt, wäre meiner Ansicht nach angemessen.

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