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Die "Exit"-Strategie

26.04.2008 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Christian Bürk, Nürtingen. Es stellt sich für die öffentliche Hand immer die Frage, wie privatwirtschaftliche, kurz- bis allenfalls mittelfristige Strategien (zum Beispiel im Falle Permira Sicherstellung der angepeilten Eigenkapitalrendite) mit langfristigen Bemühungen der jeweiligen Region beziehungsweise Gemeinde (zum Beispiel Belebung des Arbeitsmarktes, Standortattraktivität für Unternehmen und Bewohner) in Einklang zu bringen sind. Dabei ist es einerlei, welchem genauen Auftrag die gewählten Volksvertreter und die öffentlichen Verwaltungen meinen folgen zu müssen. Entscheidend sollte sein, was langfristig entwicklungsfähig und gut auch für die Bürger der Region ist.

Zur Frage einer angemessenen Risikoadjustierung, bezogen auf die bisher bekannten Bebauungswünsche der Firma Boss, nachfolgend drei Aspekte, die abgewogen gehören.

Erstens: was ist, wenn das Private-Equity-Unternehmen Permira wieder aussteigt und damit die Arbeitsplätze potentiell gefährdet sind? Das ist arbeitsmarktrelevant.

Zweitens: was passiert mit einer zukünftig nicht mehr benötigten Gebäudesubstanz in dieser Größenordnung? Das ist immobilienwirtschaftlich sowie städtebaulich und raumordnungsrelevant. Beispiel: Großflächige Einzelhandelsimmobilien auf der grünen Wiese will keiner mehr haben. Die Verödung der Innenstädte durch den massiven Kaufkraftabfluss hat man inzwischen erkannt und entsprechend gegengesteuert (Baugesetzgebung!).

Die stark wachsende Konkurrenz heißt innerstädtische Shopping Center, auch in und für Mittelzentren wie Nürtingen. Ähnliche Überlegungen werden natürlich auch bei Objekten einer anderen Immobilienklasse anzustellen sein. Eine Logistikimmobilie wie zum Beispiel ein Hochregallager ist per se noch weniger geeignet für eine spätere Andersverwendung (Fungibilität) als zum Beispiel eine gut entwickelte Einzelhandels- oder Büroimmobilie. Der Immobilienmarkt straft niedrig fungible Immobilien auf Dauer gnadenlos ab. Dies muss allen klar sein, die langfristig planen beziehungsweise mit Nachhaltigkeit argumentieren. Ob eine angemessene Architektursprache für die angepeilten enormen Bauvolumina gefunden wird, scheint deshalb zunächst zweitrangig.

Drittens: was ist, wenn die erhofften Gewerbesteuereinnahmen ausbleiben? Das ist relevant für die Kommunalfinanzen. Wir erinnern uns: Ein hiesiger Autokonzern hat viele Jahre lang keinerlei Gewerbesteuer gezahlt. Weiter zugespitzt: was ist, wenn, wie seit Jahren diskutiert, die Gewerbesteuer sogar komplett abgeschafft wird?

Gibt es zu all diesen Aspekten eine Exit-Strategie für Nürtingen?

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