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Leserbriefe

Der Gemeinderat müsste vorbeischauen

12.10.2013 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen, Stadtrat Nürtinger Liste/Grüne. Zum Artikel „Wie lange bleibt das Provisorium?“ und zum Kommentar „Schäbig“ vom 11. Oktober. Zur Welt gekommen bin ich in Esslingen. Angekommen in Nürtingen ein paar Tage später, mit dem Zug, auf Gleis 1. Davor, neben der Straße, liegt Gleis 13. Ein Abstellgleis. Dort kamen anderthalb Jahre später Flüchtlinge an. Einige Tausend im Laufe der Zeit. Unter ihnen war auch Peter Härtling, ein Zwölfjähriger, der es danach in Nürtingen keine zehn Jahre ausgehalten hat. Laut Wikipedia „widmet Härtling sich in einem großen Teil seines literarischen Werkes der Aufarbeitung der Geschichte und der eigenen Vergangenheit“. Sein Nürtinger Thema ist das „Ankommen“ und die Frage, wo man zu Hause ist.

Bald wird der 80. Geburtstag des Nürtinger Ehrenbürgers begangen. Nicht mehr an Gleis 13, sondern mit großem Bahnhof. Blickt man vom Peter-Härtling-Gymnasium über das Gleis 13 hinweg, sieht man das neu errichtete Containerdorf, in dem zurzeit 60, bald doppelt so viele Flüchtlinge aus der südlichen und östlichen Nachbarschaft Europas unter katastrophalen Bedingungen hausen müssen. Wenn nicht gehandelt wird, verlieren sie nach ihren Wurzeln auch ihre Würde. Und das, so schildert Peter Härtling seine entwurzelte Mutter, ist das Schlimmste. Ich kenne noch aus meiner Kindheit die hiesigen Reden über und zu den Menschen in den Einquartierungen und im Mühlwiesenlager: „Wir haben euch nicht gerufen!“ Flucht und Vertreibung damals waren indessen hausgemacht. Das Schicksal der Menschen im Containerdorf ist ebenfalls hausgemacht. Mit unserer profitablen Beteiligung. Die katastrophalen Zustände in manchen afrikanischen Ländern sind Spätfolge eines menschenverachtenden Kolonialismus der westeuropäischen Staaten. Die Zustände im Nahen Osten die Folge einer verlogenen und rechtswidrigen Kriegspolitik der Großmächte.

Barbara Gosson hat die Umstände im Containerdorf mit „schäbig“ überschrieben. Wenn sich die Nürtinger Verwaltungsspitze samt Gemeinderat dort unten nicht offiziell mal blicken lässt, wenn man sich nicht aufraffen kann, wenigstens den Ehrenamtlichen die Wege ihrer Hilfe zu ebnen, dann ist es mit der bürgerschaftlichen Stadt vollends vorbei. Und dann müssten einem noch ganz andere Wörter einfallen.

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