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Das Vorsorge-Paradox und die Impfgegner

03.06.2020 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Dr. Johannes Heimann, Nürtingen. Zum Artikel „Masern-Impfpflicht ist rechtens“ vom 19. Mai. Wer kann erklären, was eine Diphtherie ist? Die Großmutter hätte es gekonnt. Kennt jemand ein in Deutschland geborenes Kind, das wegen Kinderlähmung im Rollstuhl sitzt? In insgesamt 35 Jahren ärztlicher Tätigkeit habe ich keinen einzigen Patienten mit Wundstarrkrampf, Kinderlähmung, Diphtherie gesehen. Durch neue Impfungen wurden Windpocken, Keuchhusten, Hepatitis A/B und vieles andere mehr vermeidbar. Die 20 Masernfälle, von denen ich zwei tödlich verlaufende sah, wären durch Impfung nicht geschehen. Ich selbst habe viel geimpft – und keine einzige ernsthafte Komplikation gesehen.

Paradox: Die Impfungen sind so unglaublich erfolgreich, dass wir die Krankheiten nicht mehr aus eigener Anschauung kennen. Stattdessen orakeln einige über angeblich schlimme Nebenwirkungen der Impfung. Könnten die Impfgegner nicht von der Herdenimmunität durch die Geimpften schmarotzen, wären sie rasch eines Besseren belehrt. Dass die Erkrankungen noch im Hintergrund lauern, hat vor Jahren Boris Jelzin in Russland bewiesen: Gesundheitswesen kaputt, nicht geimpft, plötzlich ein Diphtherie-Ausbruch mit „nur“ 2700 Toten.

Tief beeindruckt hat mich ein vor Gesundheit strotzender Teilnehmer der „Querdenker“-Anti-Corona-Lock-down-Anti-Zu-Ende-Denker-Demonstration in Stuttgart. Er reckte hominidengleich die Arme in den Himmel und rief in die Kamera: „Und wo sind sie, eure ganzen Coronatoten?“ Auf der Demo offenbar nicht. In USA oder England hätte er gleich eine Antwort bekommen: Go back where you come from! „Die Präventionsmedizin kennt keine Helden“, sagt Lauterbach. „Haben wir Erfolg, sagen sie, wir hätten maßlos übertrieben. Haben wir keinen Erfolg, dann wirft man uns vor, wir hätten nichts hinbekommen.“

Je besser also die Präventivmaßnahmen, umso schlechter ihr Ruf? Hoffentlich nicht. Soziale Distanzierung, Abstandsgebot und Maskenpflicht sind so wirksam, dass ich sie weiterverfolge, jetzt sogar mehr denn je: denn alle in der Freizeit müssen jetzt ausgleichen, was vielen im Berufsleben nicht möglich ist. Auch wenn Deutschland international gut dasteht: mir sind die 320 Todesfälle pro Woche 320 zu viel.

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Es sind zu viele offene Baustellen

Hans Thaler, Aichtal-Grötzingen. Zum Artikel „Welche Themen interessieren im Aichtal?“ vom 12. September. Der Blick auf die letzten acht Jahre sowie in die Zukunft gibt Antworten. Kommunikation mit Bürgern – vor Ort bei Projekten, die Anwohner betreffen, oder in der Bürgerfragestunde, in der…

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