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Leserbriefe

Corona und die Spätschäden

26.08.2020 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Herbert Schölch-Heimgärtner, Neuffen. Zu den Artikeln „Habe mich wie ein Aussätziger gefühlt“ vom 17. August und „Corona-Tests: Kassenpatienten zahlen für Privatversicherte“ vom 14. August. Die Corona-Infektionszahlen mögen den einen beunruhigen, der andere lacht darüber und hält sich für unverwundbar. Der Erfahrungsbericht ist deshalb doppelt kostbar: er macht deutlich, dass Corona auch bei einem jungen, gesunden Mann einen schweren Verlauf und heftige Spätfolgen haben kann – und das ganz in unserer Nähe. Zum Zweiten: er wurde als Pfleger Opfer dieser Krankheit, wohl angesteckt von einem Patienten, und sollte damit denen zu denken geben, die glauben, Masken, Abstand und Anstand seien sie ihren Mitmenschen nicht schuldig.

Wer mit dem Grundgesetz demonstrieren geht, sollte es zumindest bis Artikel 2 gelesen haben: „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt . . .“. Ich bezweifle, dass es den vehementesten Corona-Leugnern um Glauben oder vermeintliches Wissen geht – es ist eher die Haltung „Mir kann keiner“. Die Debatte über „Pandemie oder harmlose Grippe“ halte ich für schieres Schattenboxen. Wenn immer wieder zu Recht betont wird, Corona lasse viele gesellschaftliche Missstände wie in einem Vergrößerungsglas aufscheinen, wäre es verhängnisvoll, diese „Menetekel“ im Nebel einer sinnlosen Scheindebatte verschwinden zu lassen. Wenn man etwa bei kostenlosen Pflichttests für Reiserückkehrer glauben gemacht wird, die Kosten trage „die Allgemeinheit“, ist es erfreulich, dass unsere Zeitung diese Scheinheiligkeit anprangert: wie schon bei der Einrichtung der Intensivbetten-Plätze zahlt in Wirklichkeit die Gemeinschaft der gesetzlich Krankenversicherten; die Privatversicherungen, also Versicherer überwiegend der Wohlhabenden, werden verschont.

Diese Kaltschnäuzigkeit, mit wohlfeilen Allgemeinplätzen („kostenlose Tests“) eine Umverteilung von unten nach oben zu kaschieren (ganz wie in der Finanzkrise, wo Banken plötzlich als „notleidend“ gestützt werden mussten), werden wir, wenn die gewaltigen Geldströme aus der Scholz’schen Bazooka nicht transparent gemacht und von unabhängiger Seite protokolliert und überprüft werden, noch schmerzhaft zu spüren bekommen.

Das Virus kann nicht nur erhebliche Spätschäden für die einzelnen Betroffenen haben, sondern auch für die sehr vulnerabel gewordene Gesellschaft. Das wäre das „Social distancing“ der übelsten Art: gewissermaßen ein virales Wachstum von Reichtum einerseits und Armut andererseits. Während wir eingelullt werden von teils sehr richtigen und vernünftigen Entscheidungen derer, die angeblich „Krise können“, werden ganz nebenbei zahlreiche unkontrollierte Entscheidungen getroffen, auf die es aber besonders ankommt.

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