Leserbriefe

Bach klingt auch auf dem Fensterbrett

26.01.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen. Zum Artikel „Kirchenkonzert mit Piccolo und Bolero“ vom 23. Januar. J. S. Bachs komplettes Instrumentalwerk ist ein Kompendium des Machbaren – und gleichzeitig hochklassiges Lehrprogramm, für seine Familie und die ganze Welt. Dem Berichterstatter aus Oberboihingen fehlten dafür der Blick und das Ohr. Bach hat nämlich keinen einzigen Ton notiert, der spieltechnisch überfordert. Im Gegenteil, seine Musik ist die Fortsetzung galanter und eleganter Bewegungen ins Klangliche. Seine Werke für Klavier und Orgel wachsen geradezu aus der Physiologie von Hand und Fuß. Schon mein Lehrer meinte, Bach klinge auch auf dem Fensterbrett. Der rasante Beginn der großen C-Dur-Toccata etwa kann nahezu ohne Daumenuntersatz gespielt werden. Und das nachfolgende Pedal-Exercitium ist ein rasanter Tanz zweier Füße.

Der Berichterstatter vom Oberboihinger Neujahrskonzert befürchtet jedoch, Angelika Rau-Čulo könnte beim Tupfen der Basstöne eines Adagio ihre Lendenwirbelsäule überstrapaziert haben. Weswegen ihr Spiel nicht ausreichend im Fluss gewesen sei. Ausgleichende Erholung habe dann eine Rheinberger-Sonate mit langen Tönen im Bass ermöglicht. Unglaublich! Und weiter: Triospiel – für jede Hand und die Füße je eine, also insgesamt drei Stimmen – sei allerdings als Leistung anzuerkennen. Wegen gehobener Anforderungen durch Vierstimmigkeit (!) auf drei (?) Manualen und einem Pedal. Was macht dann ein Spieler mit einer fünfstimmigen Fuge für nur ein Manual? Wahrscheinlich kann er die nur in Passau oder im Kölner Dom spielen. Der Gipfel schließlich ist die groteske Bemerkung „Johann Sebastian Bach hat in seiner Basslinie keine Rücksicht auf ergonomische Aspekte des gesunden Sitzens genommen“. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich gehe aber davon aus, dass dieser physiotherapeutische Humbug eine hoch geschätzte Organistin nicht vom Orgelbock wirft. Wer ein Leben lang mit Händen und Füßen Orgel spielt, der müsste von den Krankenkassen was raus bekommen. Wie ein Rückenkurs bei der VHS auch.

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