Leserbriefe

Aus Kondolenzbriefen das Geld gestohlen

21.03.2019, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Annette Kumlin, Waiblingen. Der Onkel ist gestorben, nach jahrelanger Leidenszeit und Pflege. Eine Erlösung, sagt der Verstand, sagen die Leute. Das Herz der Tante, die in Neckartenzlingen wohnt, aber weint, der Schmerz frisst die Seele auf. Der Trost muss warten, es gibt viel zu tun. Das Beerdigungsinstitut hilft. Pragmatisch und einfühlsam zugleich, respekt- und pietätvoll.

Warum das diese Zeilen wert ist? Der Tod ist nicht umsonst, er kostet das Leben und jede Menge Geld, um alles Erforderliche nach dem Ableben eines Menschen zu organisieren: den Sarg, das Grab, die Zeremonie. Das ist zunächst nichts Verwerfliches, sondern eben ein Geschäft. Die Tante lebt zudem seit vielen Jahren andernorts, Freunde und Bekannte haben sich ebenfalls in den letzten Jahren räumlich entfernt. Die Trauerkarten sind verschickt, dorthin, wohin ehemalige Wegbegleiter ihre Zukunft gesucht haben.

Viele melden sich zurück, bekunden ihre Anteilnahme. Aber weil sie nun mal Zeit- und Wegbegleiter sind, lässt das Alter nicht zu, an der Beerdigung teilzunehmen. Postalisch, aufrichtig, das nehmen wir an, an das Gute im Menschen glaubend, kondolieren sie. Und wie es diese Generation der in den 30er- oder 40er-Jahren Geborenen für selbstverständlich verinnerlicht hat, schicken sie Geld für Blumenschmuck. Weil es sich einstmals einfach so gehörte. Ob das noch zeitgemäß ist, diese Diskussion ist hier nicht angemessen. Vielmehr, was in den letzten Tagen passierte: Die Kondolenzbriefe kommen aufgerissen bei der Tante an. Mit anteilnehmenden Grüßen. Die Tante bedankt sich und stellt fest – es fehlen mehrere Hundert Euro, die Freunde und Bekannte ihren Briefen beigelegt hatten. Sie ist sprachlos. Es geht nicht ums Geld. Aber sie fragt sich, was geht in Menschen vor, die diese Post öffnen und sich bereichern am Tod und Leid anderer. In der Annahme, ein „entfernter“ Trauernder schickt Geld, weil er nicht zur Beerdigung kommt.

Da trauert ein Mensch, eine Familie, und dann das. Gibt es eine Steigerung von sprachlos, fassungslos? Ja. Wütend.

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