Inland

Yad Vashem kommt mit Bildungszentrum nach München

Die Halle der Namen in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. (Archivbild) Fabian Sommer/dpa

Erstmals errichtet die weltweit größte Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ein Bildungszentrum außerhalb Israels - und Deutschland bekam den Zuschlag. Das Zentrum wird in München errichtet, den Planungen zufolge im Gebäude eines ehemaligen Parteigerichtes der NSDAP. Eine Außenstelle kommt nach Leipzig. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu der Entscheidung.

Die Idee, ein Bildungszentrum zu errichten, geht auf eine Initiative des früheren Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) und des Yad-Vashem-Vorstandsvorsitzenden Dani Dayan zurück. Bei dessen Deutschlandbesuch im Jahr 2023 kam der Gedanke auf, die Expertise von Yad Vashem bei der Vermittlung geschichtlicher Bildung zum Holocaust auch in Deutschland zu nutzen. Seither laufen die Gespräche und Vorbereitungen. 

Im September 2025 hatten der Leiter der Gedenkstätte und Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) mitgeteilt, dass es eine Außenstelle in Deutschland geben soll, als mögliche Standorte waren Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen genannt worden. Prien selbst hat jüdische Wurzeln.

Der Standort München könnte symbolträchtiger nicht sein. Das neue Zentrum wird in einem Gebäude am Karolinenplatz 4 unterkommen. An dieser Adresse stand einst das Parteigericht der NSDAP, in unmittelbarer Nähe in der Brienner Straße stand das «Braune Haus», die Parteizentrale der Nationalsozialisten. Aktuell ist sie das Zuhause der Geschäftsstelle der Akademie der Technikwissenschaften.

Insgesamt waren in dem Viertel in der Maxvorstadt nach Angaben des NS-Dokuzentrums fast 6.000 Beschäftigte in mehr als 60 Gebäuden für die Parteileitung tätig. Heute befindet sich in dem Viertel neben dem Dokuzentrum auch das israelische Generalkonsulat. 

München hat eine lange Geschichte des Nationalsozialismus. Die NSDAP wurde dort 1920 gegründet und 1925 neu gegründet. 1923 versuchte Adolf Hitler von dort aus einen Putsch. 

Mit dem Karolinenplatz 4 soll die Außenstelle ein Zuhause mit besonderer Bedeutung bekommen. Sven Hoppe/dpa

Viel später wurde München noch durch ein anders gelagertes Ereignis zum Schauplatz von Antisemitismus: 1972 kam es während der Olympischen Spiele zu einem Attentat palästinensischer Terroristen auf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft, elf Teammitglieder sowie ein deutscher Polizist starben.

In der sächsischen Metropole wird eine Außenstelle des Münchner Zentrums errichtet. Diese kleinere Einrichtung soll interaktive Lernräume etablieren und ihre Angebote vor allem an Pädagogen und junge Menschen in der Region und in den Nachbarländern richten.

Leipzig könne in puncto Bildungsarbeit eine Brücke nach Osteuropa sein - zu Polen und Tschechien, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Beide Standorte sollen in enger Abstimmung zusammenarbeiten.

Die genaue Ausgestaltung der Verträge solle erst in den kommenden Monaten erfolgen, heißt es aus der Bayerischen Staatskanzlei. Im Kultushaushalt für die Jahre 2026 und 2027 sind aber bereits mehr als 200 Millionen Euro veranschlagt. 

Davon entfallen 93 Millionen Euro auf Betriebskosten für die nächsten 15 Jahre. 23 Millionen soll der Umzug der bisherigen Nutzer kosten. 50 Millionen Euro sind für den Bauunterhalt eingestellt, 16,7 Millionen Euro für die sicherheitstechnische Ertüchtigung. Unter anderem soll dort dem Haushaltsplan zufolge ein Amphitheater als Vorführraum entstehen. 

Davon ist auszugehen. Die Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bezeichnete den Schritt als «nötiges Gegengewicht» zu politischem Extremismus. Die Zahl der Holocaust-Zeitzeugen sinke stetig, gleichzeitig wachse der politische Extremismus, vor allem von rechts. «Dem Judenhass ist ohne Kenntnis der Geschichte nicht beizukommen», sagte Knobloch.

Charlotte Knobloch sieht die Außenstelle in München als «Gegengewicht». (Archivbild) Michael Kappeler/dpa

Gady Gronich, Generalsekretär, der Konferenz der Europäischen Rabbiner, sagte: «Gerade in einer Zeit wachsender antisemitischer Bedrohungen ist Bildung der entscheidende Schlüssel. Wer Geschichte versteht, schützt die Zukunft.»

Das muss erst noch abschließend geklärt werden. In jedem Fall soll die Perspektive der Opfer stärker in den Vordergrund rücken. «Wir möchten mit dem Bildungszentrum ein größeres Bild als bisher in den Dialog der Erinnerungskultur in Deutschland einbringen. Das wird vor allem Stimmen der Opfer beinhalten und weniger der Täter», sagte Yael Richler-Friedman, Pädagogische Direktorin des internationalen Instituts für Holocaust-Bildung von Yad Vashem, Ende vergangenen Jahres. Die deutsche Erinnerungskultur sei bisher von lokalen Geschichten geprägt gewesen.

Die bayerische Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) erklärte, die Bildungsangebote sollen sich nicht nur an Schulen richten - sondern ebenso an weitere gesellschaftlich relevante Zielgruppen, darunter Polizei, Justiz, Verwaltung, Ehrenamt, Erwachsenenbildung. Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in unterschiedlichen Bildungs- und Berufsbereichen würden angesprochen.

Seine Arbeit aufnehmen soll das Zentrum innerhalb von drei Jahren.

© dpa-infocom, dpa:260528-930-139267/3

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