Ausland

Versöhnungsmarsch erinnert an Opfer der Vertreibung

Der Versöhnungsmarsch folgt in umgekehrter Reihenfolge dem Brünner Todesmarsch, bei dem rund 27.000 Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg aus Brünn vertrieben wurden. Uhlíø Patrik/CTK/dpa
Alexander Dobrindt (CSU, r), Bundesinnenminister, macht selbst ein Handyfoto vom Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt (M), und Teilnehmerinnen bei einem Gedenken an die Opfer der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg im tschechischen Pohorelice bei Brünn (Brno). Michael Heitmann/dpa
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt redet mit einem tschechischen Teilnehmer des Versöhnungsmarschs von Pohorelice nach Brünn (Brno). Michael Heitmann/dpa
Rund tausend Menschen versammeln sich am Ort eines Massengrabs vor Beginn des Versöhnungsmarschs. Michael Heitmann/dpa
Gegendemonstranten protestieren gegen den Versöhnungsmarsch. Die Polizei war mit einem Anti-Konflikt-Team im Einsatz. Michael Heitmann/dpa

Deutsche und Tschechen haben gemeinsam der Opfer der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht. Rund 1.300 Menschen nahmen nach Angaben der Veranstalter an einem Versöhnungsmarsch teil, der am Ort eines Massengrabs in Pohorelice, rund 25 Kilometer südlich von Brünn (Brno) begann. «Die Gräber, an denen wir heute symbolisch stehen, sind Zeugen tiefen Leids», sagte der aus Deutschland angereiste Bundesinnenminister Alexander Dobrindt.

Der CSU-Politiker lobte die Initiatoren der Veranstaltung vom Dialogfestival «Meeting Brno»: «Ihr seid wahre Brückenbauer», betonte der 55-Jährige. Versöhnung brauche Mut und die Bereitschaft, zuzuhören. Es gehe nicht darum, Schuld gegeneinander aufzurechnen. «Die europäische Freundschaft ist das Bollwerk gegen jeden neuen Nationalismus», betonte Dobrindt. 

Überschattet wurde die Veranstaltung von vereinzelten Gegenprotesten. Die Polizei war unter anderem mit einem Anti-Konflikt-Team vor Ort. Ein Gedenkstein am Massengrab wurde von unbekannten Tätern mit Hakenkreuz-Schmierereien verschandelt.

Das Dialogfestival «Meeting Brno» hat in diesem Jahr die Sudetendeutsche Landsmannschaft in die zweitgrößte tschechische Stadt eingeladen. Der Vertriebenenverband veranstaltet sein Pfingsttreffen, den Sudetendeutschen Tag, erstmals in Tschechien. Die Vertreibung sei Unrecht gewesen, «wie jede Kollektivschuld», sagte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, in Pohorelice. Er rief dazu auf, daraus Lehren zu ziehen und einer Zukunft der Menschenrechte und der Freiheit den Weg zu bereiten.

Tschechische Regierungsmitglieder blieben der Gedenkveranstaltung fern. Das Abgeordnetenhaus hatte sich in einer Entschließung mehrheitlich gegen die Abhaltung des Sudetendeutschen Tags in Tschechien ausgesprochen.

Der Versöhnungsmarsch, auf Tschechisch Versöhnungs-Pilgerweg (pout smireni) genannt, folgt in umgekehrter Richtung dem sogenannten «Brünner Todesmarsch»: Im Mai 1945 wurden rund 27.000 deutschsprachige Bewohner Brünns zur österreichischen Grenze getrieben. Mehr als 2.000 Menschen, überwiegend Frauen, Kinder und Ältere, überlebten die Strapazen nicht. Manche Schätzungen sprechen sogar von mehr als 5.000 Toten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Schrecken der nationalsozialistischen Besatzung wurden insgesamt rund drei Millionen Sudetendeutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben. Die meisten fanden in der Bundesrepublik und der damaligen DDR eine neue Heimat. Hauptaufnahmeländer waren Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

© dpa-infocom, dpa:260523-930-120300/1

Zur Startseite