Inland

Reichen die 67 Maßnahmen der Regierung fürs Klimaschutzziel?

Wenn der deutsche Wald besser mit Dürre und steigenden Temperaturen zurechtkommt, kann er mehr CO2 speichern - was gut ist für das Klima. (Archivbild) Bernd von Jutrczenka/dpa

Mit mehr Windrädern, Mischwäldern und klimafreundlicheren Kraftstoffen will die Bundesregierung beim Klimaschutz nachlegen. Das sieht das neue Klimaschutzprogramm vor, das das Kabinett in Berlin beschlossen hat. Vorausgegangen waren lange Verhandlungen zwischen Umweltminister Carsten Schneider (SPD) und seinen Kabinettskollegen. Schneider versprach «einen neuen Schub für den Klimaschutz, der uns unabhängiger macht von teuren und unsicheren Öl- und Gasimporten». 

Mit dem Klimaschutzprogramm erfüllt die Bundesregierung eine gesetzliche Vorgabe. Ein Jahr nach Beginn der Legislaturperiode - also spätestens an diesem Mittwoch - muss sie erklären, wie sie die deutschen Klimaziele erreichen will. 

Deutschland hat sich das Ziel gesetzt, seinen Ausstoß an Treibhausgasen bis 2030 um 65 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 zu senken. Bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein, also nicht mehr Treibhausgase ausstoßen als wieder gespeichert werden können. Nach europäisch vereinbarten Vorgaben muss Deutschland seine Emissionen bis 2030 um die Hälfte senken - allerdings im Vergleich zu 2005.

Derzeit ist Deutschland beim Klimaschutz nicht auf Kurs. Nach jüngsten Daten des Umweltbundesamts (UBA) steuert das Land aktuell auf eine Emissionsminderung von nur 62,6 zu statt 65 Prozent. Diese Lücke entspricht 30 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten. Zur besseren Vergleichbarkeit werden andere Treibhausgase in Kohlendioxid umgerechnet. 

Die Bundesregierung stützt sich für ihr Programm aber noch auf Daten aus dem Vorjahr, als Experten die Lücke nur bei zwei Prozentpunkten beziehungsweise 25 Millionen Tonnen CO2 ansetzten.

In ihrem Programm listet die Bundesregierung 67 Maßnahmen auf, die im Jahr 2030 insgesamt 27,1 Millionen Tonnen extra einsparen sollen. Das soll zu Einsparungen von knapp sieben Milliarden Kubikmetern Erdgas und rund vier Milliarden Litern Benzin führen. 

- Rund 2.000 Windräder zusätzlich: Das ist der dickste Brocken. Durch zusätzliche Ausschreibungen für Windräder an Land soll weitere Stromerzeugungskapazität von 12 Gigawatt (GW) entstehen. CO2-Einsparung laut Regierung: 6,5 Millionen Tonnen.

- Mehr Industrieprozess mit Strom statt Erdgas. CO2-Einsparung: 4,3 Millionen Tonnen.

- Förderung von Elektroautos, Ausbau der Ladeinfrastruktur, Deutschlandticket und Klimavorgaben für Kraftstoffanbieter. CO2-Einsparung im Verkehrsbereich: 9,5 Millionen Tonnen. 

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace machte mit einer Aktion vor dem Kanzleramt Druck. Michael Kappeler/dpa

- Das Fernwärmenetz zum Heizen von Gebäuden soll ausgebaut und der Anteil erneuerbarer Energien und von Abwärme in den Wärmenetzen steigen. CO2-Einsparung: 2,3 Millionen Tonnen.

- Mehr Förderung für den Umstieg von Diesel- auf Elektromotor bei Landwirtschaftsmaschinen. CO2-Einsparung durch diese und andere Vorhaben im Bereich Landwirtschaft: 0,5 Millionen Tonnen. 

- Umbau von Monokulturen wie reinen Fichtenpflanzungen in Mischwälder, die Erderwärmung und Dürren besser trotzen können. Rückbau von Entwässerungsgräben im Wald, Förderung für Landwirtschaft in Mooren, die wichtige CO2-Speicher sind. 

Die Klimaschutzlücke dürfte größer sein als in den UBA-Berechnungen. Die Behörde selbst weist darauf hin, dass ihre Berechnungen den Stand vom November vergangenen Jahres abbilden. Nicht erfasst sind damit die weitreichenden energiepolitischen Auswirkungen des Iran-Kriegs, das neue Heizungsgesetz, das nach Einschätzung vieler Experten zu mehr Treibhausgasen führen könnte und auch die Pläne von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zu Förderkürzungen für Solaranlagen. 

Selbst Schneider betonte zwar, die Bundesregierung mache mit dem Programm einen wichtigen Fortschritt. «Aber ich bin nicht naiv. Weitere Fortschritte werden nötig, aber auch möglich sein.» 

Auch die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) lobt zwar sinnvolle Ansätze. «Insgesamt wirken die angekündigten Emissionseinsparungen jedoch zu optimistisch gerechnet und sind mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, da sie stark auf Förderprogramme und freiwillige Effekte setzen.» So fehlten im Verkehrsbereich einfache, sofort wirksame Maßnahmen wie ein Tempolimit oder ein attraktiveres Deutschlandticket. 

Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge nannte das Programm «eine dreiste Täuschung». Während Schneider ein paar zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen verkünden dürfe, arbeite Wirtschaftsministerin Reiche jeden Tag daran, den Klimaschutz kaputt zu machen.

© dpa-infocom, dpa:260325-930-863969/1

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