Inland

Trendwende: Warum jetzt etwas weniger Geflüchtete da sind

Beim Resettlement-Verfahren schlägt das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) den Aufnahmestaaten besonders schutzbedürftige Menschen vor. (Archivfoto) Michael Matthey/dpa

Erstmals seit 2011 ist die Zahl der in Deutschland lebenden Geflüchteten wieder leicht gesunken. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht, hielten sich zum Stichtag 31. Dezember knapp 3,53 Millionen Schutzsuchende hierzulande auf - rund 17.000 Geflüchtete weniger als ein Jahr zuvor. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Die Gesamtzahl der in Deutschland lebenden geflüchteten Menschen hat sich 2015 im Vergleich zum Jahr davor fast verdoppelt. Ein Grund dafür war, dass Russland militärisch in den syrischen Bürgerkrieg eingriff - auf der Seite des damaligen Präsidenten, Baschar al-Assad. 

Die Zahl der afghanischen Asylbewerber, die nach Deutschland kamen, nahm infolge der Machtübernahme der islamistischen Taliban 2021 zu. 

Noch deutlich mehr Flüchtlinge kamen 2022, als Russland seinen Angriffskrieg auf die gesamte Ukraine begann und binnen weniger Monate rund eine Million ukrainische Staatsangehörige hierzulande Zuflucht suchten. Sie müssen keinen Asylantrag stellen, sondern werden auf Grundlage einer EU-Richtlinie für vorübergehenden Schutz aufgenommen.

Die Zahl der Menschen, die in Deutschland erstmalig Asyl beantragen, sinkt seit Herbst 2023. Wurden 2024 noch knapp 230.000 Asylerstanträge gestellt, so sank diese Zahl im vergangenen Jahr auf rund 113.000 Erstanträge. 

Dass es Ende 2025 etwas weniger Flüchtlinge in Deutschland gab als ein Jahr zuvor, hat einerseits mit den Grenzkontrollen zu tun. Nicht nur wird inzwischen an allen deutschen Landgrenzen kontrolliert, obwohl das im Schengen-Raum eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Auch die Intensität der Kontrollen hat zugenommen. Zudem hat Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) im Mai angeordnet, im Regelfall auch Asylsuchende zurückzuweisen. 

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte im Mai festgelegt, dass die Bundespolizei auch Asylsuchende an den Landgrenzen zurückweisen soll. Es gibt aber Ausnahmen, etwa für Kranke und Schwangere. (Archivfoto) Bernd von Jutrczenka/dpa

Doch es kamen zuletzt auch insgesamt weniger Schutzsuchende nach Europa. Außerdem sind unter denjenigen, die 2025 einreisten, viele Venezolaner, die es aufgrund der Sprache und der aktuell eher liberalen Migrationspolitik vor allem nach Spanien zieht. Ein wichtiger Grund für den Rückgang in Deutschland ist, dass Syriens Langzeitmachthaber im Dezember 2024 gestürzt wurde. Von den Syrerinnen und Syrern, die zwischen 2014 und 2016 eingereist waren, erfüllen überdies viele inzwischen die Bedingungen für eine Einbürgerung. Sie tauchen dann nicht mehr als Flüchtlinge in der Statistik auf.

Im vergangenen Jahr gab es 22.787 Abschiebungen, mehr als im Jahr zuvor. 2024 waren 20.084 Menschen in ihr Herkunftsland oder in ein für ihr Asylverfahren zuständiges europäisches Land gebracht worden. 

Die Wartezeit für den Einbürgerungsantrag wurde verkürzt. Dadurch kann, wer die Kriterien erfüllt, schon nach fünf statt acht Jahren eingebürgert werden. 

Das von SPD, Grünen und FDP beschlossene Gesetz zum Chancen-Aufenthaltsrecht galt bis Ende 2025. Es war für Menschen konzipiert, die sich zum Stichtag 31. Oktober 2022 mindestens fünf Jahre geduldet, gestattet oder mit einer Aufenthaltserlaubnis in Deutschland aufgehalten haben. Sie konnten mit ihren Angehörigen für 18 Monate eine Art Aufenthaltserlaubnis auf Probe erhalten. Danach konnte ein dauerhaftes Bleiberecht bekommen, wer überwiegend selbst für seinen Lebensunterhalt aufkommt, Deutsch spricht, nicht straffällig geworden ist und eine geklärte Identität vorweisen kann, beziehungsweise «alle für die Identitätsklärung erforderlichen und ihm zumutbaren Maßnahmen ergriffen hat».

Etwa 43 Prozent der Berechtigten machten vom Chancen-Aufenthaltsrecht Gebrauch. Rund 28.000 Menschen sicherten sich so ein Bleiberecht. Knapp 10.000 Ausländer scheiterten und fielen zurück in die Duldung. Bei gut 15.000 Menschen mit Chancen-Aufenthalt ist der Ausgang noch offen.

Je länger der Krieg in der Ukraine andauert, desto wichtiger ist für die von dort geflüchteten Menschen, dass sie die Sprache des Aufnahmelandes lernen. (Symbolfoto) Anja Sokolow/dpa-Zentralbild/dpa

Da ist etwa die Aufnahme aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen. In den vergangenen Jahren wurden etwa 38.000 Menschen aus Afghanistan aufgenommen, darunter ehemalige Ortskräfte deutscher Institutionen. Laut Bundesregierung reisten von 1993 bis zum 31. Dezember 2025 im geregelten Aufnahmeverfahren für jüdische Zuwanderer insgesamt 214.940 Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ein. 

Ein anderer Weg ist das sogenannte Resettlement. Dabei schlägt das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) besonders schutzbedürftige Menschen vor. Deutsche Behördenvertreter führen noch vor Ort Befragungen und Sicherheitsüberprüfung durch. Die schwarz-rote Koalition hat vereinbart, humanitäre Aufnahmeprogramme so weit möglich zu beenden und keine neuen Programme aufzusetzen. Deshalb kamen zuletzt nur wenige Menschen - etwa aus dem Sudan und aus Eritrea - als Resettlement-Flüchtlinge. Bei ihnen war das Aufnahmeverfahren bei Regierungswechsel schon weit fortgeschritten.

Ende 2025 lebten rund 232.000 Ausreisepflichtige in Deutschland. Viele von ihnen stammen aus der Türkei, dem Irak oder aus Afghanistan. Ein Jahr zuvor waren es knapp 221.000 Ausreisepflichtige gewesen. 

Knapp 191.000 der Ausreisepflichtigen zum Stichtag 31. Dezember 2025 hatten eine Duldung. Geduldete sind Menschen, die zwar ausreisepflichtig sind, aber aus bestimmten Gründen aktuell nicht abgeschoben werden können - etwa weil sie keine Ausweisdokumente haben oder krank sind.

© dpa-infocom, dpa:260315-930-817816/1

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