Ausland

Kein Ende in Sicht: Krieg gegen Ukraine geht ins fünfte Jahr

Mit Gegenangriffen bremst die ukrainische Armee den russischen Vormarsch. (Archivbild) Andriy Andriyenko/65. mechanisierte Brigade der Ukraine/AP/dpa

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine geht am 24. Februar in sein fünftes Jahr. Was für Moskau ein Waffengang von allenfalls wenigen Wochen sein sollte, dauert damit inzwischen länger als der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die beidseitigen Angriffe aus der Luft verursachen massive Schäden an der Infrastruktur und töten Zivilisten - ein baldiges Ende des Blutvergießens ist nicht in Sicht.

Zu Beginn des fünften Kriegsjahres liegt die vom Kreml als Minimalziel ausgegebene Eroberung des Industriereviers Donbass in der Ostukraine für die russischen Truppen weiter in großer Ferne. Zwar verbleiben rechnerisch nur noch etwas mehr als zehn Prozent der Regionen Donezk und Luhansk unter Kontrolle Kiews. Doch mit dem festungsartig ausgebauten Städtegürtel von Kostjantyniwka über Druschkiwka, Kramatorsk nach Slowjansk hat die ukrainische Armee trotz aller Schwierigkeiten weiter gut ausgebaute Verteidigungsstellungen in ihrer Hand.

Prognosen gehen beim bisherigen russischen Eroberungstempo von bis zu zwei Jahren harter und verlustreicher Kämpfe um die bereits jetzt stark zerstörten Industriegebiete aus. Nicht zuletzt deswegen verlangt Moskau bei den Verhandlungen unter US-Vermittlung von Kiew einen freiwilligen Rückzug aus den Gebieten. Die Ukraine weist das in der jetzigen militärischen Lage zurück.

Wie jüngst die langen Kämpfe um Pokrowsk und Myrnohrad im Donezker Gebiet zeigten, sind Drohnen inzwischen entscheidend an der Front. Die Ukraine kann trotz chronischem Soldatenmangel mit ihren Drohnenpiloten den russischen Vormarsch noch bremsen. Russische Versuche, mit Panzerfahrzeugen Durchbrüche zu erzielen, scheitern so schon im Ansatz.

Stattdessen sehen sich die Kremltruppen gezwungen, mit kleinen Infanteriegruppen teils auf Motorrädern hinter die dünn besetzten ukrainischen Linien zu gelangen und sich mühsam in deren Rückraum festzusetzen. Es gebe keine festen Frontlinien mehr, sondern immer größere Grauzonen, in denen beide Seiten mit wechselndem Erfolg versuchen, die Oberhand zu gewinnen, argumentieren die ukrainischen Militärbeobachter des Portals «DeepState».

Nach anfänglicher ukrainischer Dominanz im frontnahen Drohnenkrieg ist Russland mit seiner Massenproduktion zunehmend erfolgreich. Die russische Drohnensondereinheit «Rubikon» stört an mehreren Frontabschnitten immer effektiver den ukrainischen Nachschub. Die Verteidiger hängen zum Schutz kilometerlange Drohnenfangnetze über die Straßen.

Der russischen Armee wurde das Internetsystem Starlink abgeschaltet. (Archivbild) Christoph Soeder/dpa-ENR-Pool/dpa

Dennoch gelingen der ukrainischen Armee immer wieder kleinere Achtungserfolge. Im ostukrainischen Gebiet Charkiw drängten sie bereits im vergangenen Jahr russische Einheiten bei Kupjansk und der Zwillingsstadt Kupjansk-Wuslowyj auf dem Ostufer des Flusses Oskil zurück. Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow verkündete trotzdem unbeirrt die Eroberung beider Ortschaften.

Im südukrainischen Gebiet Saporischschja hat Kiew in den vergangenen Tagen zudem mehrere Dörfer wieder unter Kontrolle genommen. Ukrainische Beobachter bewerten die Erfolge zurückhaltend: Es gehe nicht um eine vollwertige Gegenoffensive, sondern um «stabilisierende Maßnahmen». Diese hätten zwar russische Voraustrupps gestoppt und um Kilometer zurückgedrängt, aber zu mehr sei die ukrainische Armee angesichts ihrer Ressourcenknappheit und fehlender Drohnenüberlegenheit nicht in der Lage, schrieb der Militäranalyst Kostjantyn Maschowez bei Telegram.

Die jüngsten Niederlagen der Russen hängen zum Teil auch mit dem Zugangsverlust zum Satellitenkommunikationsnetz Starlink des US-Milliardärs Elon Musk zusammen. Zuvor hatte das russische Militär nach dem Vorbild der ukrainischen Armee in Frontnähe über grau importierte Starlink-Geräte ihre Internetkommunikation gewährleistet. Nachdem russische Aufklärungs- und Kampfdrohnen aber ferngesteuert über Starlink-Terminals Hunderte Kilometer weit in das ukrainische Hinterland geflogen waren, bat Kiew Musk um Hilfe. 

Nach einer Zwangsregistrierung für die Starlink-Geräte in der Ukraine ist der Zugang für das russische Militär vorerst blockiert. Moskaus Verteidigungsministerium behauptet, das mache nichts - die Russen hätten andere effektive Geräte. Russische Militärblogger bestätigten hingegen, dass es nun an der Front Kommunikationsprobleme gebe.

Nach vier Jahren Krieg haben beide Seiten Schätzungen zufolge jeweils mehrere Hunderttausend an toten und schwer verletzten Soldaten. Nach unabhängigen Recherchen von Medien anhand öffentlicher Daten verzeichnet die russische Armee bereits rund 220.000 Tote, die ukrainische Armee wiederum etwa 180.000 an Toten und Vermissten. Westliche Schätzungen gehen regelmäßig von höheren Zahlen für Russland und geringeren Zahlen für die Ukraine aus. 

Anti-Drohnen-Netze werden für die Sicherung des ukrainischen Nachschubs selbst Dutzende Kilometer von der Front entfernt immer wichtiger. (Archivbild) Andreas Stroh/ZUMA Press Wire/dpa

Zugleich kann Russland mit einem hohen Sold locken und nach eigenen Angaben monatlich weiterhin fast 40.000 neue Soldaten rekrutieren. Dagegen kommt die Ukraine nach Auskunft von Präsident Wolodymyr Selenskyj mit etwa 27.000 Mobilisierten im Monat aus. Zu schaffen macht der Ukraine dabei weiter Fahnenflucht. 

Die Generalstaatsanwaltschaft veröffentlicht seit Herbst 2025 keine Zahlen mehr zu Deserteuren. Zuletzt wurden mehr als 300.000 Fälle von Fahnenflucht und unerlaubtem Entfernen von der Truppe ausgewiesen. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow sagte bei seiner Vorstellungsrede im Januar, dass bereits nach mehr als zwei Millionen wehrpflichtigen Männern gefahndet werde. 

Nahezu täglich werden dabei neue teils gewalttätige Konflikte zwischen Feldjägern und zufälligen Passanten bei Zwangsrekrutierungen auf der Straße bekannt.

Die Hauptfrage für eine Fortsetzung des Krieges bleibt daher für beide Seiten, wie die Verluste ausgeglichen werden können. Davon hängen eine mögliche Verhandlungslösung und ein Ende des Krieges ab. Beide Seiten gehen aber trotz teils gegenteiliger Rhetorik nicht von einem baldigen Kriegsende.

© dpa-infocom, dpa:260220-930-711224/1

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