Weihnachtsgrüße

Viel Feuerwerk, bunte Deko und traditionelle Posadas

Kai Gärtner verbringt sein Auslandssemester in Cholule in Mexiko und Weihnachten zwischen Tradition und Popkultur

Kai Gärtner ist von den verschiedenen Landschaften Mexikos begeistert. Foto: privat
Von seiner Dachterrasse aus kann Kai Gärtner den Popocatépetl, den aktiven Vulkan ganz in der Nähe von Cholula, ständig sehen. Foto: privat
Das Leben in Mexiko ist wunderbar chaotisch. Foto: privat
Foto: Senner

Dieses Jahr verbringe ich Weihnachten nicht im winterlichen Neuffener Tal, sondern fast 10000 Kilometer entfernt – im warmen, bunten und völlig anders tickenden Mexiko. Seit August lebe ich hier für mein Auslandssemester, in der Stadt Cholula, direkt neben Puebla. Und auch wenn man im Vorhinein unzählige Dokus schaut oder Reiseberichte liest: Das echte Leben hier fühlt sich vollkommen anders an.

Mexiko empfängt einen mit einer Herzlichkeit, die man schwer beschreiben kann. Die Menschen sind offener, spontaner, später dran und irgendwie immer bereit für ein Lächeln oder ein kurzes Gespräch.

Die Straßen sind chaotischer, Kabel hängen als kunstvolle Netze über den Gassen, Häuser werden anders gebaut, und es ist ständig ein bisschen lauter als gedacht – aber genau das macht den besonderen Charme des Landes aus.

Was mich besonders überrascht hat: Man lernt nicht nur Mexiko kennen, sondern die ganze Welt gleich mit. Die Uni hier zieht viele internationale Studierende an, und so verbringe ich meine Tage mit Menschen aus Spanien, Frankreich, England, den USA und vielen anderen Ländern. Ich erfahre, wie Weihnachten in Großbritannien aussieht, wie die Franzosen ihre Feiertage verbringen oder welche Traditionen die US-Studierenden mitgebracht haben. Dadurch fühlt sich das Auslandssemester an wie eine kleine Weltreise, ohne dass man selbst überall gewesen wäre.

Gleichzeitig lernt man sehr viel über mexikanische Kultur: den Stolz auf die präkoloniale Geschichte genauso wie den Stolz auf das heutige Mexiko. Trotz Problemen wie Korruption oder einer oft überforderten Polizei wirken die Menschen hier unglaublich positiv, hilfsbereit und warmherzig. Obwohl mir vor meiner Abreise immer wieder gesagt wurde, wie gefährlich Mexiko sei, bin ich in vier Monaten fast ausschließlich Freundlichkeit, Humor und Offenheit begegnet.

Ein Land, das fünfeinhalbmal so groß ist wie Deutschland, hat natürlich viel zu bieten – und Mexiko übertrifft so ziemlich jede Vorstellung. Im Norden liegen trockene Wüsten, im Süden dichter Dschungel, dazwischen Savannen mit Kakteen und Agaven, karibische Strände, Bergdörfer, Höhlen, heiße Quellen und traumhafte Nationalparks.

Mein persönliches Highlight ist aber der Popocatépetl, der aktive Vulkan ganz in der Nähe von Cholula. Von meiner Dachterrasse kann ich ihn jeden Tag sehen – 5500 Meter hoch, fast immer leicht am Rauchen. In den letzten Monaten ist er für mich so etwas wie ein ständiger Begleiter geworden, ein stilles, beeindruckendes Symbol für die Größe und Kraft dieses Landes.

Vor meiner Abreise habe ich oft gehört: „Du wirst dort doch nur Tacos essen.“ Ich habe das immer verteidigt – und jetzt esse ich tatsächlich fast jeden Tag Tacos. Denn streng genommen basiert ein Großteil der mexikanischen Küche auf Tortillas, und viele Gerichte sind Abwandlungen oder Varianten davon. Zum Glück schmecken sie in allen Formen fantastisch, und die Vielfalt ist riesig.

Mexiko ist überwiegend christlich geprägt, und das sieht man besonders zur Weihnachtszeit. Cholula hat unzählige Kirchen, und die Stadt wird zur Adventszeit bunt, laut und fröhlich. Gefeiert wird mit großen Familien, mit Musik, Essen, Märkten und – typisch mexikanisch – viel Feuerwerk.

Gleichzeitig spürt man auch den Einfluss der USA, die geografisch ja nicht weit weg sind: Weihnachtsmänner im Coca-Cola-Rot, amerikanische Deko-Stile, Lichterketten und Pop-Weihnachtssongs gehören genauso dazu wie die traditionellen mexikanischen „Posadas“. Und all das passiert ohne Schnee, ohne klirrende Kälte und ohne Winterjacke – ein ungewohntes, aber wunderschönes Gefühl.

Auch wenn ich Weihnachten dieses Jahr unter Palmen, Lichterketten und buntem Feuerwerk erlebe, denke ich an die Heimat – an Neuffen, das Neuffener Tal und die Region rund um Nürtingen.
Das Auslandssemester hier ist eine riesige Bereicherung – und gerade deshalb freue ich mich, meine Eindrücke teilen zu dürfen. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern der Nürtinger Zeitung ein frohes, warmes und friedliches Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue Jahr.

Kai Gärtner

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