Weihnachtsgrüße
Vertraute Traditionen in fernen Landen
Hermann Eberbach dient mit der Gabe, die er empfangen hat, und unterstützt eine Berufsschule in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone.
Sierra Leone ist ein Land in Westafrika, man könnte auch sagen es liegt gegenüber von Brasilien. Es zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Würde man jedoch die im Land reichlich vorhandenen Bodenschätze gerecht verkaufen und das erwirtschaftete Geld in das Land stecken, stände das fruchtbare Land viel besser da. Neben den vielen Firmen die Bauxit, Eisenerz, Diamanten, Gold und Rutil abbauen, gibt es fast keine Industrie. Gleichzeitig bietet das Land ganzjährig eine große Vielfalt von Früchten und Gemüse. Mangos, Orangen, Gurken, Erdnüsse, Avocados, Auberginen, Süßkartoffeln, Maniok, Tomaten, Bananen sind Beispiele von landwirtschaftlichen Produkten.
Seit Juni 2024 bin ich in Sierra Leone. Coworkers, eine der sieben anerkannten Entwicklungshilfeorganisation aus Deutschland, wurde um Hilfe in einer Berufsschule in Freetown der Hauptstadt von Sierra Leone angefragt. Die Berufsschule gehört zur hiesigen evangelischen Allianz, also einem Zusammenschluss von rund 800 Kirchen. Coworkers entsendet weltweit Fachkräfte zu christlichen Organisationen die fachliche Unterstützung brauchen.
Mein Auftrag ist die Schulleitung zu beraten, Lehrer fortzubilden, Kontakt zu Betrieben bzw. potentiellen Arbeitgebern herstellen und den Unterricht praxisorientierter zu gestalten. Weltweit sind zurzeit in 33 Ländern 70 Fachkräfte von Coworkers im Einsatz. Alle sind unterwegs mit dem Motto: Ein jeder diene mit der Gabe, die er empfangen hat (1. Petrus 4, 10).
So auch ich. Von Beruf bin ich Mechaniker, Maschinenbauingenieur und Berufsschullehrer für Metallbau und Fertigungstechnik. Bevor ich nach Afrika aufbrach, wohnte ich mit meiner Familie in Zizishausen und war an der PMHS in Nürtingen als Theorielehrer beschäftigt. Die Berufsschule in Freetown wurde vor 30 Jahren gebaut und hat seitdem wenig Erneuerung geschweige denn Renovierung erfahren.
Lehr- und Lernmittel, Maschinen und Werkzeuge sind entweder veraltet, nicht funktionsfähig oder schlicht nicht mehr vorhanden. Der Zustand der Werkstätten, Klassenräume, WCs und des Außenbereichs ist auf sehr niedrigem Niveau. Durch Kontakte zu hilfsbereiten Menschen in Nürtingen und Sierra Leone ist es gelungen, die Schreinerei mit gebrauchten Maschinen auszustatten. Auch eine dreimonatige Schulung des hiesigen Personals an den Maschinen erfolgte. Für die Elektriker konnten Steckdosen, Schalter, Kabel, Sicherungen usw. angeschafft werden, damit auf den neuinstallierten Übungsbrettern Schaltungen simuliert und geübt werden können. Bisher erfolgten diese praktische Einheiten entweder gar nicht oder auf üblichen Tischen. Das sind wertvolle Verbesserungen, die eine hohe Dankbarkeit bei unseren Leuten ausgelöst hat.
Nun liegt es an uns allen, dies alles in die Praxis und Anwendung umzusetzen. Noch werden nicht alle Potentiale der neuen Einrichtungen von den Lehrkräften ausgeschöpft. Die finanzielle Lage der Schule ist prekär. Die Einnahmen aus den Schulgebühren und den hergestellten Produkten in der Schreinerei und der Metallschlosserei reichen bei weitem nicht die laufenden Kosten der Berufsschule sicherzustellen. Gehälter an Lehrkräfte konnten mehrere Monate nicht bezahlt werden. Wie wir aus diesem Dilemma kommen, ist noch offen!
Ungeachtet der herausfordernden Aufgaben erlebe ich den November und Dezember als sehr warme und vor allem unangenehm schwüle Monate. Kann man da an Weihnachten denken?
Dank deutscher Freunde gibt es doch ein paar mir vertraute Traditionen. Eine Freundin lädt an den Adventssonntagen nachmittags zu Tee, Guatzle und Tee ein.
Dazu werden Adventslieder gesungen und die eine oder andere Geschichte gelesen.
An Weihnachten selbst werde ich zu Coworkers Kollegen in den Norden nach Kamakwie fahren. Dort unterstützt Manuel Jäckle als Kinderarzt in einer Klink.
Mit seiner Familie werden wir Advents- und Weihnachtslieder singen. Manuel kann Gitarre und Klavier spielen. Die beiden Kinder sind im Vorschulalter und sind wie Mutter und Vater begeisterte Sänger. Neben den traditionellen Liedern werden wir auch mit moderner Lobpreismusik den Geburtstag von Jesus als Erlöser der Welt feiern.
Was mich zum Weihnachtsessen erwartet, weiß ich noch nicht. Rebekka ist eine gute Köchin und wird entweder lokale Gerichte kochen oder auf ein paar Anleihen aus der deutschen Weihnachtsküche zurückgreifen. Das lokale Essen in Sierra Leone besteht hauptsächlich aus Reis. Dazu gibt es Fisch oder Hühnchen und eine der vielen Soßen. Es gibt hier Erdnusssoße, Kartoffelblättersoße, Maniokblättersoße, Soße aus der Okra Schote, Zwiebelsoße und Pfeffersoße. Letztere ist besonders pfefferig, wobei die anderen oft auch gut scharf sind. Mittendrin entweder ein kleiner, ganzer Fisch, Hühnchenfleisch, etwas Bauchspeck oder Fisch in kleinen Stücken.
Weihnachtsdeko findet man das ganze Jahr immer wieder an verschiedenen Stellen. Rote Mützen mit weißem Fellimitaten werden ganzjährig getragen. Straßenhändler verkaufen Obst, Gemüse, Getränke, Parfüms, Slippers und anderes mehr meist in großen Schüsseln, die sie auf dem Kopf tragen. Häufig brauchen sie Hilfe, um den Behälter vom Kopf auf den Boden und wieder zurück auf den Kopf zu stellen, weil er sehr schwer sein kann. Einmal sah ich in einer der Schüsseln in Folie verpackte Lebkuchenteile. Es waren tatsächlich die Einzelteile, um ein Lebkuchenhaus zu bauen. Keiner wusste, was man damit machen konnte. Im Internet konnte ich auf Bildern zeigen wie so ein Lebkuchenhaus zusammengebaut, dekoriert und fertig aussieht. Die Umstehenden waren begeistert.
Frohe Weihnachten aus Sierra Leone
Hermann Eberbach