Weihnachtsgrüße
„Tranquilo“ – das ganze Jahr über und auch an Weihnachten
Ingrid Lieberknecht und Ton Sneevliet haben sich an die gelassene Einstellung ihrer neuen Heimat in Andalusien alles mit Ruhe zu machen gewöhnt
Da ich früher in Nürtingen zur Schule ging, möchte ich gerne Weihnachtsgrüße aus Andalusien in die alte Heimat schicken.
Natürlich gibt es immer etwas zu besorgen, also gehe ich in die Stadt. Zu Fuß. In Spanien lebt man am liebsten zentral, damit man problemlos neben Einkaufen noch Kaffeetrinken und ein Schwätzchen halten kann. Täglich. Also auch in der Vorweihnachtszeit.
Wobei das ganze Jahr über gilt: tranquilo [sprich: tran-ki-lo] und als weibliche Form tranquila, weil das für Männer und Frauen gilt. Wenn Sie jetzt im Wörterbuch schauen, steht da „ruhig, still“, was absolut nicht zu Spanien passt, denn die Spanier unterhalten sich bekanntlich am liebsten laut.
Tranquilo ist eigentlich mehr eine Lebenshaltung. Wenn ich, zum Beispiel, an der Kasse stehe und, wie so oft, nach meinem Geldbeutel suche, sagt die Kassiererin ¨tranquila¨, was also „immer mit der Ruhe“ bedeutet.
Es gibt hier keine Tageszeit und keine Jahreszeit, in der es angebracht wäre, zu eilen oder gar zu hetzen.
Zuerst gehe ich in die Apotheke, wo ich ein besonderes Haartonikum bestellt habe. Ich bin an der Reihe, die Apothekerin weiß nichts von meiner Bestellung. Tranquila. Ihre beiden Kolleginnen, die links und rechts von ihr bedienen, haben den Fall sofort erkannt. Fall gelöst. Tranquila.
In der Reihe der Wartenden beschwert sich niemand, man ist sowieso im Gespräch mit Bekannten und Unbekannten. Natürlich gibt es etwas zu klagen, über das Wetter (zu kalt, zu feucht), über die Gesundheit (Erkältung), über „die da oben“,
die nie das tun, was wir nötig hätten.
Aber wir regen uns nicht wirklich auf, weil man es doch nicht ändern kann, und eigentlich wissen wir, dass wir es hier gut haben, also tranquilo.
Und als Verstärkung sagt man noch „No te preocupes“ (Mach dir keine Gedanken/Sorgen).
Das erinnert mich immer an die Niederlande, wo ich mit meinem Mann Ton wohnte, bevor wir im Rentenalter in wärmere Gefilde auswanderten.
„Komt wel goed“ (Kommt schon gut) schließt man dort ein negatives Gespräch ab, weil das Leben doch ganz sicher auch seine schönen Seiten hat.
Aber zurück nach Andalusien. Ab dem Ersten Advent gehen die vielen Weihnachtslichter in der Stadt an, in jeder Stadt und selbst in kleinen Dörfern. (Es lohnt sich, einmal „Weihnachtsbeleuchtung Malaga“ zu googeln.)
Auch mit Dekorieren und Aufbauen von Belén (Betlehem, also der Weihnachtskrippe) kann man frühzeitig anfangen, genauso wie mit dem (künstlichen) Weihnachtsbaum, der in Spanien immer mehr in Mode kommt. Wichtig ist nur tranquilo, immer mit der Ruhe.
Bitte keinen Stress. „No te preocupes“, es muss nicht alles perfekt sein. Man fühlt sich nicht verpflichtet, stets nach der neuesten Mode zu dekorieren oder beeindruckende Mahlzeiten zu servieren. Man wünscht sich freundlich „Feliz Navidad“, also „Frohe Weihnachten“, obwohl es noch einige Zeit bis Weihnachten dauert.
Ich gehe in den Supermarkt, in dem sich viele Menschen mit voll beladenen Einkaufswagen aneinander vorbei bewegen. Tranquila. Man wird automatisch in der Woge mitgeschoben.
In der Warteschlange vor der Kasse bewundere ich das süße Baby der jungen Frau hinter mir und wir unterhalten uns ein bisschen. Als die Frau vor mir an der Reihe ist, fragt die Kassiererin sie, wie es denn ihrer Schwester gehe.
Und die Knieoperation samt Reha werden besprochen. Tranquila.
Denken Sie jetzt bitte nicht, dass ich übertreibe und dies eine Persiflage auf die südländische Gelassenheit sein soll. Ich beschreibe nur kulturelle Eigenheiten, die wir sehr zu schätzen gelernt haben. Mein Mann und ich wohnen hier seit 2020 und wir wussten von Anfang an, dass man nicht auswandern und dann gegen den Strom schwimmen kann.
Also tranquilo. Und wir sehen, was die neue Heimat an Positivem zu bieten hat. Ich muss sagen, es gefällt uns hier sehr gut.
Ingrid Lieberknecht
und Ton Sneevliet