Weihnachtsgrüße
Der Alltag hält so manche Herausforderung bereit
So Recknagel hat in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh ein neues Zuhause gefunden.
Es ist drückend heiß, Menschen rempeln mich versehentlich an und ich krame aus meiner Hosentasche ein paar zerknüllte Riel-Scheine hervor. Ein normaler Samstag in der Markthalle des Toul Tompoung Markts. Auf dem Rückweg blicke ich kurz auf mein Handy, meine Schwester schickt mir Bilder vom ersten Schnee. Hier in Kambodscha wird es auch langsam Winter, ganz zentral bedeutet das: 28 Grad Tagesdurchschnitt, gelegentlicher Wind und eine sinkende Luftfeuchtigkeit. Ein bisschen kommt man da nach drei Monaten bei über 30 Grad tatsächlich auch ins Frösteln.
Im Umkreis von circa einem Kilometer um den Toul Tompoung Markt spielt sich der größte Teil meiner Freizeit ab. Toul Tompoung ist ein zentraler Stadtteil der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh, die seit August mein neues Zuhause geworden ist. Schlendere ich hier durch die Nebenstraßen, fühle ich mich fast wie in einer kleinen deutschen Unistadt. Wohnhäuser schmiegen sich zwischen Cafés, Imbisse stehen vor Musikläden und überall herrscht ein summender Grundton.
Ein kompletter Kontrast zu meiner Heimat Aichtal, eingebettet in Felder und mit obligatorischer Nachtruhe ab 22 Uhr. Aus Aichtal weggezogen bin ich bereits vier Wochen nachdem mir mein Abiturzeugnis überreicht wurde, der Plan stand allerdings schon im Dezember 2024, acht Monate vor meiner Ausreise.
Ganz konkret absolviere ich hier in Kambodscha einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst im Rahmen des weltwärts-Programms. Das Programm wird vom Bundesministerium für wirtschafliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert und „weltwärts“ selbst bietet dabei eine Art Börse an, bei der Organisationen ihre Projekte anbieten. Nach Kambodscha ging es für mich zusammen mit „Brot für die Welt e. V“, vor Ort arbeite ich bei der NGO „Women´s Media Centre“ (WMC).
Mein Alltag hier unterscheidet sich weniger von dem in Deutschland, als man vielleicht denken mag. Tagsüber arbeite ich an Artikeln oder verfolge die Sendungen in unserem hauseigenen Tonstudio.
Für Kambodschaner ist gutes Essen wahnsinnig wichtig, dementsprechend verbreitet ist auch die Café-Kultur, weshalb es mich an den Wochenenden eigentlich von einem Café ins nächste zieht.
Wer jedoch als Vegetarier nach Kambodscha kommt, wird sich wohl auch vorerst mit den Cafés abfinden müssen. Ob Lok Lak oder Amok Trey, Hauptbestandteil fast aller Gerichte ist Fleisch. Selbst im morgendlichen Porridge (Porridge ist hier eine Art Reissuppe) beißt man irgendwann auf ein Stück Fisch. Abgesehen davon kann ich nur jedem empfehlen, einmal die kambodschanische Küche zu probieren. Zwischen fruchtigen Suppen, säuerlichem Obst mit Chilisalz oder Khmer-Nudeln ist für jeden etwas dabei.
Auch wenn sich bei mir ganz nach guter kambodschanischer Art viel um Essen dreht, waren meine letzten drei Monate trotzdem sehr ereignisreich. Direkt nach der Ankunft begann die erste Seminarwoche, kurz darauf der Khmer-Unterricht. Wir, vier Freiwillige, wohnten in dieser Zeit zusammen in einer WG. Gemeinsam bewältigten wir die ersten Herausforderungen, bevor es für uns in Wohnungen oder Gastfamilien ging.
Eine Freiwillige haben wir nach vier Wochen in die Provinz verabschiedet, doch wir anderen drei merkten schnell, dass wir ein gemeinsames Hobby teilen: Musik. Auch wenn wir mittlerweile etwas verteilter wohnen, schaffen wir es meistens trotzdem, uns einmal wöchentlich für Bandproben zu treffen. Einen konkreten Namen gibt es zwar noch nicht, durch die ausgeliehenen Instrumente, die alle von der Marke Yamaha stammen, trägt unsere WhatsApp-Gruppe vorerst den Namen „Arbeitstitel Yamaha“.
Ende September endete unsere gemeinsame WG-Zeit und für uns ging es in Gastfamilien. Kretya und Smey, mein Gastbruder und meine Gastmutter, begrüßten mich wahnsinnig herzlich und helfen mir durch alle Challenges, vor die einen der Alltag hier stellt.
Eine davon war beispielsweise die Mobilität, in Phnom Penh gibt es nur eine handvoll Buslinien, Haltestellen sind nicht gekennzeichnet und durch die Staus gibt es keine festen Abfahrtszeiten. Meine Arbeitswege bin ich immer mit dem Tuk-Tuk gefahren, was auf Dauer teuer und unflexibel war. Das war auch der Grund, weshalb ich mir kurz nach meinem Umzug ein Moped gekauft habe. Dadurch erleichtert es sich nicht nur, zur Arbeit oder zum Supermarkt zu gehen, sondern ich kann auch kleinere Roadtrips unternehmen. Mein Erster ging während des Wasserfestes nach Kampot.Am Meer gelegen befindet sich die Stadt etwa 180 Kilometer südlich von Phnom Penh und ist bekannt für ihren handverlesenen Pfeffer, den man auch in deutschen Supermärkten findet.
Mein erster Solotrip überhaupt ging nach Koh Rong, eine Insel mitten im Golf von Thailand. Hier habe ich auch das Moped fahren gelernt, denn in Kambodscha braucht man für Fahrzeuge bis 125 Kubik keinen Führerschein. Eine glückliche Fügung für mich, denn würde hier deutsches Recht gelten, würde meine Mobilität aus Fahrradfahren bestehen. Mit „WMC“ komme ich durch Workshops und sogenannte „Trainings“ auch ein bisschen in Kambodscha rum.
Mein Highlight war der Besuch einer Tempelanlage aus dem 6. bis 8. Jahrhundert in Kampong Thom, einer zentralen Provinz. Hier lernte ich auch einen Mönch kennen, der nicht nur fließend Englisch sprach, sondern auch unbedingt mit jedem Touri auf dem Weg ein Bild machen wollte. Auch wenn es immer aufregend ist, neue Provinzen zu entdecken, freue ich mich meistens schon ein bisschen darauf, wieder nach Phnom Penh zurückzukehren. Jetzt wo die Regenzeit vorbei ist, wird man immer öfter von einem wolkenlosen blauen Himmel begrüßt. Die Parks nahe dem Königspalast schimmern satt grün und das Wasser des Tonle Sap wirkt nicht ganz so braun-grau wie sonst.
An manchen Ecken findet man sogar etwas Weihnachtsdekoration und das, obwohl man hier mit über 90Prozent buddhistischer Bevölkerung kein Weihnachten feiert. Mein persönliches Weihnachtsfest muss ich dafür wohl dieses Jahr auch eintauschen, aber bei bestem Sommerwetter wirkt das wie kein allzu schlechter Kompromiss .
An dieser Stelle wünsche ich allen Lesenden fröhliche Weihnachten, ganz besonders denen, die sich wie ich ein bisschen nach Kälte und Baumkuchen sehnen!
So Recknagel