NÜRTINGEN. Auf dem Weg zu den Toiletten im Theater im Schlosskeller dürfte so manchem Besucher ein kleiner Schreck durch die Glieder gefahren sein: Plötzlich bog ein blasses Gespenst in altertümlich weißem Gewand um die Ecke. Doch Entwarnung – zumindest nach aktuellem Stand spukt es im Schlosskeller nicht wirklich. Die Theaterfachklasse der MJKS hatte den gesamten Spielort für ihre Inszenierung von Das Gespenst von Canterville nach der Bühnenfassung von Jürgen von Bülow in das berühmte Schloss Canterville verwandelt.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Sir Simon, einst das berühmteste Gespenst aller Zeiten. Tobias Essig verkörperte den ehemaligen Spukstar mit viel Bühnenpräsenz als liebenswerten, zunehmend verzweifelten, herrlich tollpatschigen Antihelden, dessen missglückte Spukversuche ebenso komisch wie berührend waren.
An seiner Seite wirbelten die drei schrillen Geister-Auszubildenden, gespielt von Luise Herdin, Rhea Keimel und Alina Bosche, mit Energie und Witz über die Bühne. Voller Bewunderung für ihr großes Vorbild müssen sie erkennen, dass dessen beste Zeiten längst vorbei sind. Selbst die amerikanische Familie, dargestellt von Philipp Buch, Lisa Dengler, Alina Seider, Janina Keller und Heidi Bäuerle, begegnet dem vermeintlichen Schrecken des Schlosses mit Gelassenheit und jeder Menge Schlagfertigkeit. Philipp Buch überzeugte dabei mit einem gekonnt amerikanischen Akzent. Als schrille Social-Media-Zwillinge, die in jeder Spukerscheinung den nächsten viralen Clip sahen, sorgten Janina Keller und Heidi Bäuerle mit ihrem synchronen Spiel und herrlich überzogenem Influencer-Gehabe für beste Unterhaltung. Als Sir Simon schließlich das Gespenster-Pflegeheim droht, müssen Menschen und Geister erstmals gemeinsam an einem Strang ziehen.
Mit viel Spielfreude erzählten die jungen Darstellerinnen und Darsteller eine Geschichte über Freundschaft, Zusammenhalt und Empathie.
Saskia Leopold und Theo Schroedter setzten mit viel Gespür für Situationskomik pointierte Akzente, während Giulia Giacopelli und Lasse Teuscher als skurrile Geisterfiguren mit sprachlichem Witz immer wieder für heitere Momente sorgten. Peter Gruber und Vincent Jeschka bewiesen, dass man nicht viele Worte benötigt, um das Publikum zu begeistern: Mit ausdrucksstarker Mimik, perfektem Timing und herrlich trockenen Reaktionen sorgten sie immer wieder für humorvolle Szenen.
Unter der Regie von Birgit Hein verschmolzen Spielort und Inszenierung zu einem stimmigen Gesamtbild. Der historische Schlosskeller mit seinen alten Gemäuern bot die ideale Kulisse für Schloss Canterville. Liebevoll gestaltete Requisiten, stimmige Kostüme und die detailreiche Maske verwandelten die jungen Darstellerinnen und Darsteller überzeugend in Geister und Schlossbewohner.
Der lang anhaltende Applaus sprach für sich. Und beim Verlassen des Schlosskellers dürfte viele noch jener Satz begleitet haben, der sich im Laufe des Abends zum kleinen musikalischen Ohrwurm entwickelte: „Bruder Simon, Bruder Simon, lebst Du noch?“