Licht der Hoffnung
Liebe, Leidenschaft und Innigkeit
Fabiana Biasini, Elena Cheah und Camilla Illeborg ließen einen beim Konzert im Advent tief in die deutsche Romantik eintauchen
„Wenn wir in Nürtingen sind, ist das immer wie Nach-Hause-Kommen“: Drei Weltklassekünstlerinnen waren sich auch diesmal einig. In der Tat: die Pianistin Fabiana Biasini, die Cellistin Elena Cheah und die Sopranistin Camilla Illeborg gehören mittlerweile zur Nürtinger Familie. Und die wurde vorgestern Abend beim Konzert im Advent in der Kreuzkirche einmal mehr reich beschenkt.
NÜRTINGEN. Vor 16 Jahren hatte Fabiana Biasini zum ersten Mal das Festival der Hoffnung bereichert, immer wieder neue Freunde mitgebracht, die jedes Mal mit gefühlvollen Konzerten das Publikum spüren ließen: „Jetzt kann es endlich und wirklich Weihnacht werden!“
Das war auch diesmal so. Aber dennoch begeisterte die Italienerin mit ihren beiden besten musikalischen Freundinnen heuer mit einem ganz besonderen Konzert: kein „La Danza“, nicht ein einziges italienisches Stück – aber dafür deutsche Romantik satt. Und pur! Und man spürte dank des fantastischen Könnens aller drei Akteure, dass diese (oft überheblich belächelte) Epoche letztlich doch ein Teil der Seele dieser Nation ist. Und kein geringer.
Und dieses fantastische Trio begeisterte sein Publikum darüber hinaus nicht nur mit einem Konzert der herkömmlichen Art, bei dem eben Stück auf Stück, Satz auf Satz, Lied auf Lied folgt, aber kein größerer innerer Zusammenhang deutlich wird (zumindest, wenn man Laie ist). – Die Drei von der Klangfülle erzählten vielmehr eine Geschichte, die einen auf den Flügel der Musik hinweg ins Reich der Träume entführte, wo noch echte Liebe, echte Freundschaft, echte Treue, echte Innigkeit (kurz: echtes Leben) existieren.
Vielleicht war und ist das ja von je her nur ein Sehnsuchts-Bild, bedroht und überwunden von der Realität. Aber Camilla Illeborg, Elena Cheah und Fabiana Biasini ließen mit dem Blick auf die liebevolle Beziehung zwischen Clara Wieck-Schumann, Robert Schumann und Johannes Brahms all das zumindest für die zwei Stunden am vierten Advent zur Wirklichkeit werden. – Natürlich auch deswegen, weil alle drei exzellente Musikerinnen sind, deren Weg gehen. Schritt für Schritt. Nach oben. Und dennoch die Nürtinger nicht vergessen haben. Sondern offenkundig immer lieber in die Hölderlinstadt kommen.
Da ist Camilla Illeborg, die demnächst an der Königlichen Staatsoper zu Kopenhagen die Gilda in Verdis „Rigoletto“ gibt. So manch einer staunte, wie die Dänin am Sonntag die deutschen Lieder nicht nur sang, sondern auch ihre innere Stimmung erfasste und brillant umsetzte – mal sehnsuchtsvoll wie in Robert Schumanns „Widmung“, mal neckisch wie in dessen „Kartenlegerin“, mal dramatisch wie in Johannes Brahms „Salome“, mal mütterlich-zärtlich wie im immer wieder zu Herzen gehenden „Guten Abend, gut Nacht“, der tief berührenden Zugabe, die in so manchem und so mancher die eigene Kindheit wieder lebendig werden ließ.
Da ist Elena Cheah, eine Virtuosin am Cello, die ihresgleichen sucht. Was sie mit ihrem Instrument zaubert, das ist schlichtweg unglaublich. Tief in ihr Spiel versunken, erfüllt sie den Raum mit intensiven Emotionen – ganz gleich, ob sie nun den Bogen in solch furiosem Tempo fliegen lässt, dass das Auge kaum zu folgen vermag, oder die Saiten zärtlich streichelt oder die Schlusstöne eines Stückes nur hinhaucht oder regelrecht hinküsst. Ja, bei ihr hat man den Eindruck, als atme das Cello regelrecht, so sehr ist sie mit ihm verwachsen. Kein Wunder, dass sie vor Kurzem zur Professorin an der Freiburger Musikhochschule berufen würde.
Da ist Fabiana Biasini, die Mutter (nicht nur) dieses Projekts, das in Nürtingen Premiere feierte und das Zeug dazu hat, nun auf die Reise rund um die Welt (oder zumindest durch die deutschsprachigen Länder) zu gehen. Sie gehört mittlerweile zur Elite der italienischen Pianisten, ja vermutlich Europas. Das spürt man auch (oder gerade), wenn sie sicht wie am Sonntag eher im Hintergrund hält und von dort aus aber dennoch grandiose Akzente setzt, die ein Werk (sei es nun Robert Schumanns „Fünf Stücke im Volkston“ oder Johannes Brahms’ Sonate für Klavier und Violoncello) erst zu dem machen, was es sein kann und sein soll.
Man muss nicht im Vordergrund stehen, um jemand und etwas ganz großes zu sein. Auf die Tiefe kommt es an. Auch das ist eine Botschaft dieses wundervollen Konzerts.