Licht der Hoffnung
„Die Nieten im Amt, das sind wir“
Licht der Hoffnung: Liedermacher Sebastian Krämer zeichnete beim Dreikönigskonzert ein grandioses Panorama unserer Zeit
Bauarbeiter, die sich überlegen, in ein Nagelstudio zu gehen, Flohmärkte im Regen, ein Mordopfer mit 17 Kugelschreibern im Rücken – mit allerlei Absonderlichkeiten wurde das Publikum beim Dreikönigskonzert im Unterensinger Udeon konfrontiert. Und dennoch (oder deswegen) zeichnete Sebastian Krämer beim Dreikönigskonzert damit ein grandioses Panorama unserer Zeit.
UNTERENSINGEN. Dank der Unterstützung der Nürtinger Firma ZinCo war das Traditionskonzert im Rahmen unseres Festivals der Hoffnung einmal mehr ein kulturelles Erlebnis ganz besonderer Güte. Sebastian Krämer, gebürtiger Ostwestfale, schon lange wohnhaft in Berlin, stellte viele ungewöhnliche Fragen, ließ viele Antworten offen – aber eine ganz gewiss nicht: Warum er den Deutschen Kleinkunstpreis (dessen erster Träger Hanns Dieter Hüsch war) bekommen hat. Vielleicht schafft er es ja eines Tages, auch noch in die Fußtapfen von Dieter Hildebrandt zu treten, der in diesem Rahmen als erster für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Er ist ja noch jung. Die Zeit und das Zeug dazu hat er auf jeden Fall.
„Kabarett“ – dieser Ausdruck gefällt dem Mann am Klavier, der seine Zuhörer über mehr als zwei Stunden lang zu fesseln versteht, ganz und gar nicht, wenn es um seine Kunst geht. Er bezeichnet sich lieber als „Chansonnier“ oder „Liedermacher“. Und das ist auch gut so. Weckt es doch (auch wenn manche Texte mit kabarettistischer Schärfe keinen Vergleich zu scheuen brauchen) das Bewusstsein dafür, dass das Chanson und das niveauvolle Lied (warum eigentlich benutzt man diesen ebenso einfachen wie treffenden Ausdruck eigentlich nicht öfter?) in Deutschland zwar totgesagt sind, aber durchaus noch lebendig sind. Nicht zuletzt dank ihm.
Sebastian Krämer ist ein Mann, der hinter die Kulissen blickt. Und mit seinen mal bitterbösen, mal sehnsuchtsvollen Texten den Kern der Dinge hervorholt, ja zuweilen gar hervorzerrt. Manchmal bleibt einem da das Lachen im Halse stecken, manchmal muss man seine Gedanken auf Achterbahnfahrt schicken, um zu durchschauen, was er nun eigentlich meint. Auch wenn es viel zu lachen gibt, erinnert einen viel doch an die Urform der griechischen Tragödie. Da führt ja der Weg zur Läuterung gemäß der Poetik des Aristoteles auch immer übers Erschrecken.
Und man kann bei Sätzen wie diesen es einen ja auch wahrlich schaudern: „Politiker können nix dafür – die Nieten im Amt, das sind wir.“ Das trifft den Nerv des deutschen Wohlstandsbürgers, der letztlich für die Wahlergebnisse (wie das jüngste) verantwortlich ist, dann in die Motzki-Phase gerät, um am Ende dann doch den Wandel zu scheuen. Momente wie diese waren schon ein brutaler Blick in den Spiegel.
Dass geballte Gewaltlosigkeit auch eine Form von Gewalt sein kann – welcher Gutmensch lässt sich so was schon gern sagen? Dass man den Leuten, die Ordnungswidrigkeiten begehen, im Grunde dankbar sein müsste, dass sie dieses Opfer bringen (sonst wären ja sämtliche Ordnungshüter arbeitslos) – ein kesser, aber nicht unlogischer Gedanke. Wie er manchen Unfug auf Schildern entlarvt („Schwarzfahren kostet nicht 40 Euro. Es ist kostenlos. Nur sich erwischen zu lassen, wird teuer“), ist wiederum einfach nur köstlich.
Sicher: Krämer provoziert. Und das mit Lust. Aber der Provo-Poet kann auch liebevoller Lyriker und sehnsuchtsvoller Songdrechsler sein. Etwa, wenn er von seinem Stolz erzählt, das zehnteilige Holz-Puzzles seines Sohns geschafft zu haben, während der im Kindi weilt. Oder wenn er vom Riesenrad in Möllnhausen träumt, das alles andere als gigantisch ist, aber doch den Blick auf eine ganz eigene Welt eröffnet. Oder wenn er das Leben mit einem Plattenspieler vergleicht, dessen Nadel sich auf der Vinylplatte Runde um Runde vorankämpft, mal rumpelt, mal rauscht, bis sie dann auf der letzten Rille ausläuft, um sich wieder auf diese Ausgangsposition zurück zu setzen – das ist schon hohe Kunst. Und zeigt, dass da einer ist, der eben nicht nur heftig zuschlagen, sondern auch zärtlich streicheln kann.
„Was macht denn dieser Sebastian Krämer?“, wurden wir im Vorfeld dieses Konzerts oft gefragt. Der Montagabend hat gezeigt: auch in einem Artikel wie diesem ist dies äußerst schwer zu beschreiben. Aber vielleicht ist die Antwort ja auch ganz einfach: Was er tut, ist unbeschreiblich. Unbeschreiblich schön.