Nürtingen

Kommentar zu Vorfällen im Freibad: Wer hetzt schneller?

Nach den Vorfällen im Nürtinger Freibad zeigt sich mal wieder: Im Internet sind die Schuldigen oft gefunden, bevor die Ermittlungen überhaupt begonnen haben, findet der stellvertretende Ressortleiter Matthäus Klemke. Lesen Sie auch den Artikel „Belästigungen im Nürtinger Freibad sorgen für Empörung“.

Das Nürtinger Freibad. Foto: Michael Zaiser

NÜRTINGEN. Es ist doch jedes Mal dasselbe: Kaum veröffentlicht die Polizei eine Meldung, dauert es oft nur wenige Minuten, bis in den sozialen Netzwerken die vermeintlichen Täter feststehen. Auch nach den Vorfällen im Nürtinger Freibad war das nicht anders. Aus wenigen Zeilen einer Polizeimeldung wurden ganze Geschichten konstruiert: Es sei schon immer so gewesen, die Täter seien Wiederholungstäter, Ausländer, der Staat versage.

Andere springen auf den Zug auf, verteilen Likes und tragen die Behauptungen weiter. Innerhalb kürzester Zeit entsteht der Eindruck, es handle sich um gesicherte Tatsachen – obwohl dafür meist jeder Beleg fehlt.

Dass die Polizei bewusst nur wenige Informationen veröffentlicht, interessiert viele nicht. Die Lücken werden kurzerhand mit Vermutungen gefüllt. Aus Spekulationen werden vermeintliche Fakten, die sich in Windeseile verbreiten. Wer widerspricht oder auf fehlende Belege hinweist, gilt schnell als naiv oder als jemand, der etwas vertuschen will.

Natürlich sind die beiden Vorfälle erschütternd. Wer Kinder belästigt oder Badegäste bedrängt, muss konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Daran gibt es nichts zu relativieren. Ebenso selbstverständlich ist, dass sich Eltern Sorgen machen, wenn sich solche Fälle innerhalb weniger Tage ereignen.

Besorgnis ist das eine. Vorverurteilung das andere.

Die Polizei formuliert ihre Mitteilungen bewusst zurückhaltend. Nicht, um Informationen zu verschweigen, sondern weil Ermittlungen laufen und Fakten erst gesichert werden müssen. Wer diese Lücken sofort mit eigenen Annahmen füllt, macht aus Unsicherheit vermeintliche Gewissheit.

Besonders bedenklich wird es, wenn aus dieser Dynamik Hass entsteht. Wer Menschen pauschal als „Pack“ oder „unzivilisierte Horden“ bezeichnet, sie öffentlich an den Pranger stellt oder gar zur Selbstjustiz aufrufen will, verlässt den Boden einer demokratischen Debatte. Das ist keine Sorge mehr um die öffentliche Sicherheit – das ist Hetze.

Es ist richtig, Fragen zu stellen. Es ist richtig, Konsequenzen einzufordern. Und es ist richtig, darüber zu diskutieren, wie Freibäder sicher bleiben. Aber all das sollte auf Grundlage von Fakten geschehen – nicht auf Basis dessen, was sich in den Kommentarspalten am lautesten verbreitet.

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