Nürtingen

Kommentar: Google muss runter von den Tellern!

Online-Rezensionen haben eine derart große Strahlkraft, dass Wirte mitziehen müssen. Doch die Bewertungen haben schon lange ihre Glaubwürdigkeit verloren. Wir täten gut daran, sie weniger zu beachten, meint Redakteur Johannes Aigner.

Symbolbild Foto: davit85 - stock.adobe.com

NÜRTINGEN. Tech-Riesen wie Google drängen mittlerweile in jede Ritze unseres Alltags. Benötigen wir sie wirklich auch noch auf dem Teller? Das Unternehmen aus den USA hat mit Maps den meistgenutzten Navigationsservice der Welt. Doch die Demokratisierung der Gastrokritik öffnet Haus und Tür dafür, dass damit Unsinn getrieben wird. Da werden einerseits persönliche Fehden mit Gastronomen in den Kommentarspalten ausgetragen. Andernorts lassen Wirte dafür massenweise negative Kommentare löschen – selbst wenn sie stimmen.

Die Bewertung auf Google hat schon lange jede Glaubwürdigkeit verloren. Wer auf Restaurantsuche ist und einen schnellen Überblick sucht, kann sich auf die Zahl, die neben dem Eintrag steht, nicht verlassen. Das JAN in München, Deutschlands derzeit vielleicht bestes Restaurant, hat einen Schnitt von 4,8, das legendäre Tantris: eine 4,7. Beides ist ein hervorragendes Ergebnis – liegt aber immer noch unter mancher Dönerbude. Die einen bieten Haute-Cuisine an, sind mit drei beziehungsweise zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet, beim anderen bekommt man einen ehrlichen und vermutlich auch exzellenten Imbiss. Aber was ist nun besser? Lässt sich das vergleichen? Sind die Rezensionen überhaupt echt?

Dann gibt es da noch Beispiele wie die kultige Cannstatter Schwemme. Die dortige Google-Kommentarspalte ist seit Jahren eine Art Running-Gag für Anhänger. Die Kneipe wird regelmäßig derart in den Gastro-Himmel gelobt, als hätten Joël Robuchon und Paul Bocuse dort nicht mal die Chance auf ein Praktikum. „Ein exquisiter Abend voller kulinarischer Hochgenüsse! Der Champagner perlte auf der Zunge wie der erste Morgentau an einem kalten Februar-Morgen“, heißt es etwa. Dass es dort eher Pils statt Pilzrisotto gibt, muss man erst recherchieren. Geschichten von Gästen, die darauf hereinfielen, gibt es zahlreiche.

Wer wirklich Kritik an seinem Essen hat, tut gut daran, diese direkt am Tisch zu äußern. Jeder echte Wirt will seine Gäste zufriedenstellen. Und geht mal etwas nicht perfekt über den Pass, ist er im Normalfall mehr als gewillt, es noch einmal zu schicken oder eine Entschuldigung zu liefern. Aufzuessen, nichts zu sagen und später eine öffentliche, schlechte Rezension zu hinterlassen, ist nicht der Höhepunkt der Gastrokritik – sondern feige.

Gleichzeitig sollten wir der Google-Bewertung weniger Aufmerksamkeit schenken. Die penible Suche nach einem Lokal, das vielleicht noch 0,1 Sterne mehr hat als die bisherige Wahl, führt erfahrungsgemäß eher zu Mittelmaß. Die großen Abende verbringt man doch meist in Restaurants, in die man hineingestolpert ist, die man von Freunden empfohlen bekam oder mit denen man gemeinsam als Stammgast gewachsen ist. Denn wer nie ein schlechtes Essen riskiert, bekommt nie dieses eine magische.

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