Nürtingen
Gutes Essen verbindet die Menschen
Im Hotel Pflum arbeitet seit Kurzem ein junger syrischer Koch – und macht seine Sache ganz prima
„W. Pflum“ steht auf seinem weißen Kochkittel. Aber in Wirklichkeit heißt er Sepan Muhammed. Der 21-Jährige kam als Flüchtling aus Syrien nach Nürtingen und zählt seit einiger Zeit zum Küchenteam im Hotel Restaurant Pflum. Er ist in hektischen Zeiten geradezu ein Musterbeispiel, dass Integration und ein interkulturelles Zusammensein gelingen kann.
NÜRTINGEN. Werner Pflum und sein neuer Mitarbeiter können offenkundig bestens miteinander: Der Chef schätzt die Freundlichkeit und Zuverlässigkeit Sepans, der wiederum ist stolz, dass er in diesem Nürtinger Traditionsrestaurant mit von der Partie sein kann.
Und auch eigene Ideen aus der arabischen Küche mit einbringen darf. Das zeigte sich neulich bei einem „Testessen“ mit mehr oder minder prominenten Nürtingern, das auch spüren ließ, wie schnell sich Vorurteile überwinden lassen – dann nämlich, wenn man offen aufeinander zugeht. Einfach von Mensch zu Mensch eben.
Begonnen hatte alles mit einer Initiative von Helmut Hartmann. Der Gewerkschafter und Sozialdemokrat engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Als er erfuhr, dass Werner Pflum Verstärkung für sein Küchenteam suchte, schaute er kurzerhand mit Sepan im Hotel in der Steinengrabenstraße vorbei. „Probieren wir’s einfach mal“, sagte der Schwabe zu dem Syrer.
Und das beeindruckte Stadtrat Dr. Michael Brodbeck und den Schreiber dieser Zeilen so, dass spontan ein „syrischer Abend“ auf die Beine gestellt wurde. Dabei konnte der junge Mann sein Können zeigen – und tat es auf ganz beeindruckende Weise.
Sepan stammt übrigens aus Al Hasaka. Das liegt im Nordosten Syriens in relativer Nähe zur türkischen Grenze. Und wie wurde er eigentlich Koch? In Arabien kennt man keine Lehre wie in Deutschland, man lernt durchs Tun, indem man einem erfahrenen Küchenchef über die Schulter schaut.
In Syrien fand Sepan niemand. Doch dass er bereit ist, sich zu engagieren und sein Schicksal in die Hand zu nehmen, zeigt schon die Tatsache, dass er erst einmal für vier Monate in den Libanon ging: Im Restaurant Sharif in Nabatäa fand er seine erste Küchen-Station. Auf die folgte ein Jahr im „La Cigarre“ in Erbil, der Hauptstadt der autonomen Provinz Kurdistan – im Norden des Irak.
Doch dann fiel seine syrische Heimat mehr und mehr in Schutt und Asche. Über die Türkei und Bulgariens Hauptstadt Sofia schlug er sich nach Deutschland durch, wie genau, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Zunächst kam er ins Wohnheim nach Oberensingen, nach vier Monaten wurde er anerkannt, jetzt hat er eine eigene Wohnung.
Die Test-Esser sind allesamt voll des Lobes
Jetzt will und kann er zeigen, dass er diesem Land auch etwas bieten kann. Und alle sind gespannt auf das, was er aus der arabischen Küche so alles zaubern will.
Los geht es mit Fatousch, einem aus dem Libanon stammenden Salatgericht. Dabei mischt Sepan schwarze Oliven, Tomaten, Paprika, Gurken, Zwiebel, und Granatapfelkerne, drapiert das Ganze auf ein Rotkohlblatt. Das Dressing besteht aus Zitrone, Olivenöl und Granatapfelmelasse. Das Tüpfelchen aufs i ist freilich gerolltes und frittiertes arabisches Fladenbrot.
Auch zum Hauptgericht serviert Sepan noch mal einen Salat: Babarenusch. Diesmal sind Auberginen, Zwiebel, Paprika und Tomaten die Zutaten, wieder spielen Granatapfelkerne, -melasse und Olivenöl eine große Rolle.
Als Hauptgang hat Sepan seine Variation von Maklube ausgewählt – einem Gericht, das sich fast im gesamten Nahen Osten findet. Bei ihm besteht es aus Auberginen, Rindfleisch, Basmati-Reis, angerösteten Cashewkernen und kleinen Tomaten als Garnitur. Seinen Pfiff erhält es durch einen speziellen Cocktail aus sieben Gewürzen.
Und wie hat es gemundet? Helmut Hahn, der mit seinem Linsenhofener Party-Service intensive Kontakte mit dem südwestlichen Afrika pflegt, ist besonders von dem gebratenen Basmati-Reis beim Maklube angetan. „So schmeckt er einfach am besten.“ Die Gewürze dabei hätten ihn an Weihnachten erinnert. „Stimmt“, schmunzelt Sepan: „Zimt ist mit drin.“
„Der war schon was ganz Besonderes“, stimmt Nürtingens katholischer Pfarrer Martin Schwer zu. Sein evangelischer Kollege Markus Lautenschlager findet wiederum den ersten Salat „super“, den zweiten eher „gewöhnungsbedürftig“: „Aber den Rest würde ich jederzeit wieder essen.“
Kassa Agmase, der äthiopische Nürtinger (oder Nürtinger Äthiopier) und Chef des „Abessina“, empfindet den Reis als „sehr würzig“: „Aber mir hat es super geschmeckt.“ Und Michael Brodbeck gibt zu Protokoll: „Ein kleines bissle scharf mag ich es ohnehin. Die sieben Gewürze waren zwar etwas ungewohnt – aber irgendwie erfrischend.“
Diese für Schwaben eher ungewohnte Gewürz-Kombination hat es auch Stadtrat Professor Dr. Klaus Fischer angetan. „Sehr würzig, sehr sättigend – rundherum gut.“ Ins selbe Horn stößt Nürtingens Alt-Oberbürgermeister Alfred Bachofer: „Ich fand es nicht scharf, eher rezent. Man hätte noch ein bissle mehr essen können.“
Frickenhausens Schultes Simon Blessing bekennt: „Ich hätte mir es nie vorstellen können, Reis mit Zimt zu essen – aber vielleicht werde ich es künftig doch tun.“
Helena Rohen, die mit ihrem Mann Andreas in arabische Essenswelten eintauchte, gerät regelrecht ins Schwärmen: „Es war wahnsinnig gut. Ich liebe Gewürze. Und ich habe fast noch nie so was gut Gewürztes gegessen.“ Da will auch Stadtrat Dr. Otto Unger nicht zurückstehen: „Sehr landestypisch, sehr gut!“ Und Bernd Schwartz, seines Zeichens Ortsvorsteher von Neckarhausen, Reudern und Hardt, greift gar zum höchsten Lob, das man sich aus schwäbischem Munde überhaupt vorstellen kann: „Ma hot’s essa könna!“
Helmut Hartmann ist schlicht und einfach stolz darauf, „dass mein Schützling so etwas hingekriegt hat“. Und Werner Pflum schwört, dass er keineswegs assistiert hat: „Ich hab null Komma nix gemacht. Sepan hat sogar selbst eingekauft.“
Kein Zweifel: Gutes Essen verbindet die Menschen. Vielleicht würde sich manches Problem erledigen oder zumindest verkleinern, wenn man sich einfach mal so zum Essen treffen würde. Einfach so. Von Mensch zu Mensch.
Die Begeisterung der Test-Esser spiegelt sich übrigens auch darin wider, dass spontan 300 Euro für unsere Aktion „Licht der Hoffnung“ gespendet wurden. Auch sie sollen der Flüchtlingshilfe zugutekommen.
Übrigens: Auch wenn Sepan in Deutschland angekommen ist – am Ziel fühlt er sich noch nicht. Sein großer Traum: eine richtige Koch-Lehre. Seit einem guten Monat büffelt er an der Fritz-Ruoff-Schule auf dem Säer Deutsch, hat schon enorme Fortschritte gemacht.
Und wenn es für die Berufsschule reicht, dann würde er gerne seine Ausbildung an seinem jetzigen Arbeitsplatz machen. „Denn Werner Pflum ist ein sehr, sehr guter Chef.“