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Narren und Mödele

02.04.2007 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Narren und Mödele

Es soll ja Menschen geben, die einen Tick haben, einen Fimmel oder eine Macke. Die müssen nicht gleich durchgeknallt oder sonst wie verrückt sein, die haben halt etwas Besonderes an sich, das ebenso liebenswert wie manchmal nervig sein kann. Zu einem richtigen Engländer gehört doch der Spleen wie der Pub und die Pinte. Französischen Ursprungs ist die Marotte, die sich auch bei uns eingebürgert hat. Was aber ist denn eigentlich eine Marotte? Ursprünglich ist es ein Diminutiv für Maria und entspricht einer kleinen Heiligenfigur, die im Mittelalter die Narren vor sich her trugen in spöttischer Nachäfferei prozedierender Priester. Mit der Zeit wurde daraus eine jedem Narren besonders zugeeignete Witzfigur, die mit Schellen und anderem lustigen Material behängt wurde, womit man sicher auch die heraldischen Kennzeichen der Adligen oder Patrizier parodieren wollte. Niemand fühlte sich dadurch beleidigt. Man sah es positiv und genoss den Unterhaltungswert der schrulligen Gesellen. Die Marionette heißt nach demselben Ursprung und ist heute noch als Handpuppe ein beliebtes Mittel, Geschichten theatralisch darzustellen. Die Marotte hat sich dagegen in einen Ausdruck für seltsame Angewohnheiten einer Person verwandelt, die als für diese typisch gelten. Im Schwäbischen, besonders dort, wo sich die Reformation gegen den nach dem Augsburger Religionsfrieden angesagten religiösen Rollback halten konnte und man der Marienverehrung eher skeptisch gegenüberstand, bürgerte sich der Begriff Medala oder Mödele ein. Das kommt von Mode und ist nur im Plural zu haben. Die Mödele kennzeichnen ebenfalls kleine Unebenheiten im Charakter eines Menschen, die zwar von der Norm abweichend, aber der schwäbische Diminutiv drückt es aus eher harmlos sind. Dennoch haben Mödele hierzulande ein Gschmäckle, stellen sie doch in aller Liebenswürdigkeit ein Abweichen vom Idealfall der geradlinigen Gottgefälligkeit des pietistischen Lebensweges dar. heb


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