Schwerpunkte

Leserbriefe

Zwischen die Fronten geraten

25.05.2011 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Herbert Schölch-Heimgärtner, Neuffen. Zu den Artikeln „Der Chefplaner von Stuttgart 21 wirft hin“ vom 17. Mai und „S-21-Bauleiter Azer wehrt sich: Der Kostenrahmen hält“ vom 20. Mai. Um die Zeit der Landtagswahl ließ ein „Brandbrief“ von Hany Azer aufhorchen, in dem er – gestützt auf ein Gutachten – vor der Gefahr erheblicher Mehrkosten für S 21 warnte. Ein vor Kurzem erschienener Bericht stellte zudem erhebliche Probleme mit dem Grundwasser als zusätzliches Risiko fest. Azer trat als Bauleiter zurück.

Die Bahn sagt, Anfeindungen und Drohungen der S-21-Gegner hätten ihn zermürbt. Kommentare in zahlreichen Medien machten aber eher die erwähnten Probleme als Gründe aus, und so wundert Azers Dementi nicht, er habe nicht die Flucht aus einem aus dem Ruder laufenden Projekt angetreten. Ein verräterisches Dementi, so etwa im vertrauten Tonfall „Eine Gefahr bestand zu keiner Zeit“. Niemand konnte erwarten, dass er den Posten seinem Nachfolger mit den Worten übergibt: Das Projekt ist nicht zu halten. Dass ein Vorhaben, mit dem die Betreiber in so krasser Weise polarisiert haben, neben friedlichen Protesten, zivilem Ungehorsam, Blockaden und politischer Mobilisierung auch persönliche Anfeindungen bis zu Drohungen hervorbringen kann, ist in unserer zunehmend auseinandertreibenden Gesellschaft eine sehr zu bedauernde Tatsache. Doch wer an so herausgehobener Stelle dafür arbeitet und so wenig für Vermittlung und Verständigung tut, muss dieses begleitende Gefühl – von tatsächlicher Bedrohung kann offenbar nicht die Rede sein – aushalten.

Es ist kaum glaubhaft, dass die Frontenbildung, wie die Bahn mit ihrer unredlichen Diffamierung des S-21-Widerstands unterstellt, die Ursache des Rückzugs ist, sondern eher, dass sich der Bauleiter bei seinem Projekt, das den Verantwortlichen offenbar schon vor dem Ergebnis des Stresstests weitgehend entglitten ist, nun zwischen den Fronten sieht. Mit Sparmaßnahmen die Kostensteigerung auffangen? Das ist ihm schon als Bauleiter beim Berliner Hauptbahnhof gründlich misslungen: Wegen eingesparter Befestigungsteile stürzte ein tonnenschwerer Stahlträger 40 Meter in die Tiefe, wie durch ein Wunder kamen Menschen nicht zu Schaden. Vor dem Hintergrund mag er die Aufforderung, S 21 mit Einsparvorschlägen im Kostenrahmen zu halten, als die herbste Bedrohung empfunden haben. Die schnelle Abfolge von Katastrophenmeldungen und durchsichtigen Dementis und Beschwichtigungen lassen immerhin hoffen, dass die befreiende Wahrheit schon fast auf dem Weg ist. Und zu hoffen ist, dass die Wahrheit nicht erst eine tragische Beglaubigung braucht – wie etwa die Tschernobyl-Erfahrung durch Fukushima –, um zur Erkenntnis zu reifen. Die genannte Berliner oder die Kölner Erfahrung mit dem eingestürzten Stadtarchiv, wo Einsparungen den Kostenrahmen halten sollten, dürfen nicht in Stuttgart eine Bestätigung finden.

Leserbriefe