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Wer das Amt anstrebt, muss Opfer bringen

20.11.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Ulrich Deuschle, Kreisrat, Notzingen. Zum Artikel „Mehr Zeit für die Familie“ vom 13. November.

Das Vorhaben der sieben Landtagsabgeordneten aus den Esslinger, Kirchheimer und Nürtinger Wahlkreisen, an Sonntagen keine Veranstaltungen von Verbänden oder Vereinen zu besuchen, halte ich für egoistisch und arrogant. Aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Abgeordneter, Regional- und Kreisrat weiß ich, dass Verbände und Vereine dann Veranstaltungen planen, wenn ihre Mitglieder Zeit haben und das ist eben oft samstags oder sonntags. Wer ein solches Amt anstrebt, muss wissen, dass er dafür Opfer die Familie betreffend bringen muss. Auch mir ist es nicht immer leicht gefallen, die Familie allein zu lassen.

Es stellt sich auch die Frage, wie sich solche Abgeordnete in wirklichen Krisenzeiten verhalten würden. Wären sie zu persönlichen Opfern bereit, um das Gemeinwesen am Leben zu halten? Wenn Abgeordnete mit mehreren Mandaten überfordert sind, sollen sie nicht herumklagen, sondern eben auf einen Sitz im Gemeinderat oder Kreistag verzichten. Den Bürgern gegenüber wäre es ehrlicher gewesen, wenn die Abgeordneten mit ihrer Aktion nicht ein halbes Jahr nach der Landtagswahl daherkommen, sondern dies vor der Wahl angekündigt hätten. Dann hätten die Wähler nämlich entscheiden können, ob sie solche Mandatsträger wollen oder nicht.

Diese Abgeordneten sind auch ein schlechtes Vorbild für die vielen Polizisten, Rettungskräfte, Pflegepersonal und andere Arbeitnehmer, die sonntags arbeiten müssen. Welchen Eindruck muss es bei diesen Leistungsträgern hinterlassen, dass Mitglieder des Landtags in eigener Machtvollkommenheit ihre Arbeitszeit bei vollem Einkommensausgleich einfach verringern? Wenn die Abgeordneten nur noch als Teilzeitparlamentarier aktiv werden wollen, sollen sie doch auch auf ein Siebtel ihrer großzügigen Alimentierung, die einem Vollzeitmandat entspricht, verzichten und diesen Anteil nachweislich an humanitäre oder karitative Einrichtungen spenden.

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