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Unrechtsbewusstsein

18.04.2007 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Herbert Ruff, Oberboihingen. Zum Artikel Wir fragen nach vom 14. April. Peter Härtling mahnt in seinem Interview in Ihrer Zeitung an, dass Oettingers Trauerrede für den früheren Ministerpräsidenten Hans Filbinger ein ganz schlechtes Signal für das Geschichtsverständnis der heutigen Generation aussendet. So ist es! Johann Wolfgang von Goethe sagt: Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben. Wäre es so, dass Nachgeborene sich kein Urteil über Ereignisse aus der Geschichte erlauben dürften, wäre dies das Ende jeglichen Geschichtsunterrichts an unseren Schulen. Auch an Universitäten bräuchte man sich nicht mehr die Mühe zu machen, Geschichte, die älter als 50 bis 75 Jahre ist, zu studieren. Niemand von uns könnte weder über die Vorgänge beim Bau der Pyramiden noch über Christi Geburt oder über den Untergang des römischen Weltreiches mitreden. So darf es aber nicht sein, denn Geschichte lehrt uns den Aufstieg und Fall von Weltreichen und Kulturen und vor allem, wichtige Zusammenhänge für unsere Zukunft zu erkennen.

Zur Rede unseres Ministerpräsidenten möchte ich anmerken: Wie würde er seine Rede über Hans Filbinger gehalten haben, falls sein eigener Vater von diesem Juristen ein paar Tage vor Kriegsende zum Tode verurteilt worden wäre? Filbinger hat nie ein Unrechtsbewusstsein gezeigt, indem er unbelehrbar sagte, dass nicht Unrecht sein könne, was einst rechtens war. Auch deshalb wurde er 1978 von zwei Parteifreunden, den späteren Ministerpräsidenten Lothar Späth und Erwin Teufel, massiv zum Rücktritt gedrängt. Um Filbingers Rechtsverständnis zu folgen, wären zum Beispiel die Nürnberger Gesetze rechtens gewesen mit all den schrecklichen Folgen für die Juden. Diese wurden dann Zug um Zug für völlig rechtlos erklärt und schließlich zu Millionen umgebracht. Auch die Geschwister Scholl wären somit völlig zu Recht zum Tode verurteilt worden, weil sie sich gegen geltendes Recht gestellt hatten. Der Widerstand gegen eine Diktatur muss aber immer oberstes Ziel in einem Staate sein, bis hin zum 20. Juli 1944.

Das Irrationale ist, dass sich viele, auch meine nächsten Verwandten, von Hitler, einem messianisch auftretenden Heilsbringer, verführen ließen und sich dies bis heute nicht eingestehen wollen. Warum sollten sie es auch, wenn Filbinger, als Nutznießer des Hitlerregimes (zeitweilig SA-Mitglied und NSDAP-Mitglied seit 1937), bis an sein Lebensende noch für zirka 28 Jahre Ehrenvorsitzender der CDU sein konnte und seinen Anhängern mit seinem Rechtsverständnis gewissermaßen Absolution erteilte? Selbsterkenntnis ist jedoch der erste Weg zur Besserung. Das wussten schon die alten Griechen. Wir Nachgeborenen waren nicht dabei, aber es ist uns im Apollotempel zu Delphi überliefert, in Stein gemeißelt.

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