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Nürtingen ist Hölderlins Heimat

30.07.2009 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen. Zum Artikel „Braunes Schild ist noch in weiter Ferne“ vom 25. Juli. Eines muss man den Lauffenern lassen: Die viereinhalb Jahre des Kleinkindes Friedrich Hölderlin im städtischen Klosterhof hat man zu formidablem Stadtmarketing ausgebaut. Fritzens Geburtshaus und Diensthaus des Vaters wurde zwar schon 1918 abgerissen, übrig blieb eine Gedenktafel der Gründerzeit. Lauffener Spuren im literarischen Werk gibt es nur in Allgemeinem am Neckarflusse: Hügel, Wein, Licht. Und der heranwachsende Hölderlin selber kam meist nur bis Bietigheim, zur Verwandtschaft. Wenn Lauffen der Geburt wegen „Hölderlinstadt“ sein soll, dann ist Nürtingen Hölderlins Heimatstadt. Hier war er zu Hause. In Lauffen findet man eine ideenreiche Ausstellung, eine riesige Literatursammlung, und seit 2003 die Plastik „Hölderlin im Kreisverkehr“, mit näckigen Figuren auf einem zerbrechlichen „H“: Ein Friedrich Nietzsche auf dem Fahrrad, eine Diotima mit Normbusen, verwegen unverhüllt. Gemeinsam mit Hölderlin, Schiller und Goethe turnen diese Herrschaften auf dem Hochseil. Auf der schönen Lauffener Website gibt es das schlecht rezitierte Schicksalslied Hyperions, und per Webcam blickt man in ein originelles Hölderlinzimmer (www.lauffen.de). Da ist ein braunes Autobahnschild Pflicht, Hingucker für Touristen.

Dass die Lauffener aber darauf ein Patent vom Regierungspräsidium haben wollen, geht entschieden zu weit. In zwei Städten war Hölderlin zu Hause: Nürtingen in der ersten, Tübingen in der zweiten Hälfte seines Lebens. Denkendorf, Maulbronn, Jena, Weimar, Frankfurt, Homburg und Bordeaux waren Stationen seiner ruhelosen Suche. In Waltershausen gar zeugte er eine Tochter. „Daheim“ aber war er nur in Nürtingen – falls man seine innere Idealwelt nicht mitzählt.

Ein braunes Schild für Nürtingen könnte heißen „H3N – Stadt der Wortkunst“. Falls man zum Scherzen aufgelegt ist. Ohne Scherz aber und in vollem Ernst schlage ich vor: „Hölderlins Heimatstadt Nürtingen“. Das macht uns niemand streitig. Allerdings müsste dazu etwas mehr geschehen als eine Sanierung des ehemaligen Schweizerhofs. Dazu sollte die „Beletage“ des Witwenhausstandes Gok/Hölderlin als Kulisse für eine Präsentation einer problematischen Kindheit und Jugend, dieser Hort verweigerter Selbständigkeit wenigstens im Grundriss hergerichtet werden. Und eine kreative Überarbeitung der Nürtinger Website müsste auf dem Fuße folgen.

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