Leserbriefe

Gute Musik und Silvesterknallerei

26.01.2013, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Raul Guerreiro, Nürtingen. Zum Artikel „Klezmer ist immer ein Wechselbad der Gefühle“ vom 21. Januar. Bei diesem Konzert konnten fast 800 Personen in der Nürtinger Stadthalle etwas Besonderes erleben. Ein argentinisch-israelischer Klarinettenspieler namens Giora Feidman, begleitet von dem Münchner Quartett Gitanes Blondes, schenkte uns ein Spektakel von Musik pur. Wie er selbst sagte: für die gesamte Welt, aus Liebe zur Menschheit. Oh, was für ein Kontrast zu dem Silvesterspektakel vor ein paar Wochen! Warum schenken wir unseren Ohren und Augen diese widerschallende Barbarei, nur weil ein Jahreswechsel stattgefunden hat? Unser „Kalender“ ist doch keine noble Erscheinung des Geistes, sondern eine Erfindung des Menschen. Das römische „Calendarium“, der Vater unseres Kalenders, entstand vor Jahrtausenden als bloße Bezeichnung für ein (übrigens gefürchtetes) Notizbuch, wo unter anderem Termine für Zahlungsermahnungen niedergeschrieben waren. Und die Sache hat sich seitdem weniger geändert. Auch ist das sogenannte Neujahrfest in keinem Fall ein menschenverbindendes Ereignis. Zu „unserer“ Mitternacht warteten im Pazifikraum noch zig Millionen Menschen unter Sonnenlicht auf ihre Neujahrs-Mitternacht. Und hätten wir gleichzeitig unsere Exportgeschäftspartner im asiatischen Raum angerufen, hätten wir sie unverschämt in den ersten Morgenstunden des Jahres 2013 geweckt.

Wie können aber wir, hoch zivilisierte Europäer, die schon zwei Weltkriege erlebten und heute als Friedensnobelpreisträger applaudiert werden, einen solchen infantilen Knallspektakel dieser Ordnung veranstalten, wenn gerade an mehreren Orten der Welt Hunderte von Kindern, Frauen und Männern durch Kugeln, Granaten, Panzerbüchsen, Bomben, Sprengstoffattentate, Flugzeuge, Kanonen, Drohnen und Raketen buchstäblich „knallartig“ ermordet werden?

Übrigens findet unsere moderne Silvester-Knallerei genau inmitten der Heiligen Nächte statt. Zur Erinnerung: Weihnachten ist kein „Tag“, sondern ein besonderer inspirierender Zeitraum, der am 6. Januar seine Kulmination erreicht. So geschieht diese geldverschwenderische, ohrenbetäubende und geistlose Party als ein Schlag ins Gesicht der intimsten Ideale aller Erdbewohner, Christen oder nicht, die mit denkendem Herzen Frieden und zukünftige Impulse pflegen möchten.

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